Wie immer gibt Richie das Signal zur Freude. »Gömmer?«, schreit er seine Freunde an. Die nicken und legen los. Dream Life. Schon beim ersten Refrain der Ballade beginnt das Publikum in Schaffhausen zu zucken: »Don’t bother, brother.«

Aber jetzt mal von vorne.

Sechs Stunden noch. Dann wird Märt (Örgeli) in der Kammgarn das Treppchen hochsteigen, sein Akkordeon umschnallen und die Augen schließen. Um sie für diese eine lange Stunde des Glücks geschlossen zu halten.

Aber jetzt muss er erst mal die moderne Welt abschütteln, dieses Leben mit seinen ständigen Belästigungen. Und es macht es ihm wieder schwer. Pasci (Trompete), mit dem er im Bahnhof Luzern verabredet ist, kommt nicht. Dessen Tochter ist auf der Herfahrt von Zürich im SBB-Familienwagen auf den Arm gefallen und brüllt seit Thalwil. Jetzt sitzt er mit ihr in der Bahnhofsklinik beim Röntgen. Also fährt Märt allein los, nach Hergiswil, wo der blaue Tourbus auf ihn wartet, dieser Bus, von dem er sagt: »Wenn ich da drinsitze, dann ist alles gut.«

Jolly and The Flytrap. Seit dem Sommer 1986, seit ihrer Schulzeit im Kollegium Engelberg, sind sie eine Band, die auf den komischen, einem Comic-Titel entnommenen Namen hört. Es gab nie ein Comeback, sie waren immer da. Nein, bei diesen acht Männern aus Engelberg hat keine Beziehung so lange gehalten wie die Band. Frauen und Kinder, das kam später. Ab und an versuchte sich mal eine Frau in der Band. Sie war schnell wieder weg. Vier Alben haben Jolly and The Flytrap produziert in dieser Zeit und 350 Konzerte gespielt. Das ist nicht eben viel. Darum geht es auch nicht. Es geht um den Zusammenhalt, der aber ohne die Musik nicht denkbar wäre. »Die Musik ist unser Schmiermittel, sonst wären wir schon lange zum Altherrenclub verkommen«, sagt Pasci. Nein, auf die Musik lassen sie nichts kommen. Die ist wichtig. Fällt ihnen nichts ein, machen sie keine neue CD.

In Hergiswil warten Hefe (Mischpult) und Werni (Schlagzeug). Sie haben den Bus vom Gasthaus Grünenwald, dem Stützpunkt der Band in Engelberg, bis hierhin gefahren. Das macht immer der Werni, der kann das und ist die Ruhe selbst – außer ihn ärgert wirklich was. Dann ist fertig lustig. Die Umarmungen unter den Freunden sind innig. Vor ihnen steht das Abschlusswochenende der aktuellen Tournee mit drei Konzerten in Schaffhausen, Winterthur und Zürich. Familienfrei. Nur sie. Leider ohne Ruti (Text), der muss zu Hause zum Rechten schauen. Rein in den Bus. Man gondelt wieder zum Bahnhof nach Luzern. Pasci will jetzt doch mitfahren. Die Tochter hat nur einen verstauchten Arm. »Endlich darf ich rauchen«, sagt Märt und äschert in eine Bierbüchse.

Wer Musik macht in der Schweiz, der hat’s nicht leicht. Der Markt ist klein, über die Grenzen schafft es fast niemand, die meisten Bands sterben einen langsamen Tod. Oder sie wollen so unbedingt den internationalen Erfolg, dass es lächerlich wirkt, wenn sie ihn auch nach dem zehnten Album noch nicht erreicht haben.

Nicht so Jolly and The Flytrap. Sie könnten, wenn sie wollten, jeden Abend in der Schweiz oder im benachbarten Ausland auftreten. An Anfragen mangelt es wahrlich nicht. Ja, sie sind beliebt. Sehr beliebt. Selten einer macht hierzulande so intelligente und rockige Tanzmusik, und das auf Spanisch, Englisch und Französisch. Die sechs auf der Bühne und die zwei im Hintergrund, sie verströmen eine fröhliche Leidenschaft, die ansteckend ist. Aber das alles ist ja auch kein Wunder, schließlich haben sie ihre Prinzipien, auf die sie sich in nächtelangen Diskussionen verständigt haben: »Wir wollten nicht weiß der Gugger welchen Erfolg haben. Wir wollten immer autonom sein«, sagt Werni. Und Hefe fügt an: »Wir sind schon erfolgreich, aber im Rahmen unserer Möglichkeiten und zu unseren Bedingungen. In der Schweiz kann es nur funktionieren, wenn du den Durchbruch nicht willst.«