Panzer vor dem Präsidentenpalast von Kairo, Schüsse auf dem Tahrir-Platz, Prügelbanden gegen Demonstranten: Ägypten schaut in den Abgrund. Was vor knapp drei Wochen als Verfassungskonflikt begann, wirkt heute wie eine Vorahnung von Bürgerkrieg. Wie konnte das passieren?

"Schuld sind die Islamisten!", so die zivil-säkularen Demonstranten. "Schuld sind die Liberalen!", so die Muslimbrüder. Vielleicht haben sie alle recht, weil sie alle Schuld haben. Mangelnde politische Erfahrung, das Erbe der Diktatur und eine Kultur des Misstrauens stürzen Ägypten in Hass und Gewalt.

Präsident Mursi zeigt in dieser Krise, dass er mit der Staatsführung überfordert ist. Zunächst warf er mit Verfassungsdekreten, in denen er sich selbst gigantische Vollmachten verlieh, den ersten Stein. Jetzt nahm er sie zurück, aber da war es schon zu spät. Er wollte die Steuern erhöhen, auch das nahm er zurück. Nur das Referendum über die von Islamisten verabschiedete Verfassung will er im Chaos durchpauken. Mursi wirkt nicht wie der erste Mann Ägyptens, sondern wie der Präsident der Muslimbrüder.

Die Opposition macht es nicht viel besser. Lange haben sich die Linken und Liberalen auf die Richter verlassen, um durch Auflösung des Parlaments die Wahlen nachträglich zu korrigieren. Jetzt ergehen sie sich in Maximalforderungen. "Kein Referendum!", lautet der Slogan, aber dahinter steht die schon auf Stickern und Plakaten gedruckte Forderung, der vom Volk gewählte Mohammed Mursi solle dahin gehen, wo der Pfeffer wächst – und mit ihm die Muslimbrüder. Dass alle in diesem Ägypten miteinander auskommen müssen, fällt keinem ein.

Das ist das Gift der jahrzehntelangen Diktatur. Es wirkt weiter. Die Herrschenden haben die Beherrschten stets belogen, betrogen und verladen. Um von eigenen Fehlern abzulenken, hat schon das Mubarak-Regime gern auf unsichtbare, sinistre "Hände des Auslands" gezeigt. Mursi war sich nicht zu schade, das als Ausrede zu benutzen. Doch auch die Opposition wirft den Muslimbrüdern vor, eine unägyptische, internationalistische Veranstaltung zu sein.

Das Misstrauen steckt ohnehin tief in der Gesellschaft. Ägypten ist das Land der kleinen alltäglichen Unaufrichtigkeit. Wenn einer sich verspätet, ruft er an und sagt, er sei schon um die Ecke, obwohl er noch am anderen Ende von Kairo ist. Doch warten tut nur der Unerfahrene. Andere kommen selbst zu spät, weil sie die kleine Alltagslüge kennen. Im Dschungel von Kairo ist einer listiger als der andere. So ist es auch in der Politik. Auf das Mursi-Versprechen, er wolle seine Vollmachten nicht missbrauchen, gibt keiner einen Piaster. Die Muslimbrüder glauben wiederum, die Richter wollten nur die in Wahlen festgestellten Mehrheiten annullieren. Niemand traut niemandem.

Radikalislamisten zerstören die Zelte linker Demonstranten, radikale Linke reißen gläubigen Frauen die Kopftücher herunter. In der Nacht zum Mittwoch standen sich die Demonstranten beider Seiten feindselig gegenüber. Die nächste Schlacht kann jederzeit ausbrechen. Das geplante Referendum über Ägyptens erste Verfassung, die demokratisch sein sollte, rückt die Demokratie in weite Ferne.