Es ist jedes Jahr das gleiche Theater. Anfang Dezember mutiert das Rentnerparadies South Beach für eine knappe Woche zum Zentrum des Weltkunstmarktes. Zur Art Basel Miami Beach trifft sich die ganze Kunstwelt auf den paar Straßen zwischen dem hiesigen Convention Center und der Strandpromenade. Die Kuratoren, die Museumsdirektoren, die Sammler, die Kritiker, das wachsende Heer an Kunstberatern, aber auch solche, die mit Kunst recht wenig am Hut haben, sie alle kommen nach Miami, um der Kunst und dem Geschmack des oberen Prozents zu huldigen.

Die Hysterie, die sich aus dem Cocktail von Poolpartys und Kunstkaufrausch entwickelt, macht sich schon bei der Vorbesichtigung am Mittwochvormittag bemerkbar: Wenige Minuten nach elf Uhr, beim offiziellen Einlass für eine ausgewählte Klientel, beginnt ein korpulenter Mann sich mit einer ebenso korpulenten Security Dame anzulegen. Aus den hinteren Reihen der Schlange kommentieren zwei Männer: "Er ist wohl Argentinier, der glaubt nicht ans Anstehen!"

Im Inneren ist die Stimmung wesentlich entspannter, als es das Klischee einer Messe vorgibt, an die sich Luxusmarken von Chanel bis Swarovski ranschmeißen wie die Motten ans Licht. Zwischen aufgetakelten und gelifteten Frauen und Männern erkennt man die wahren Profis schnell daran, dass sie den großen Auftritt lieber der Kunst überlassen: Statt des perfekten Anzugs und mörderischer Absätze tragen die Powersammler und -sammlerinnen Turnschuhe und Kaschmirschals. Die Gänge in Miami sind lang und kühl, wer einen der Topverkäufe der ersten Tage – Georg Baselitzs Keine Zukunft, keine Zeit bei White Cube (500.000 Dollar), John Baldessaris Prima Face (Section State): Puzzled bei Sprüth Magers (350.000 Dollar) oder Fernand Légers Les deux femmes à l’oiseau bei Galerie Thomas (1,6 Millionen) – ergattern wollte, der musste schnell sein und einen kühlen Kopf bewahren.

Patrick Charpenel fällt hier als einer dieser auffällig unaufgeregten Personen auf. Sein schlichtes Outfit aus schwarzem Shirt und grauen Stoffschuhen spricht dafür, dass er bedeutend und beschäftigt genug ist, um sich die Selbstausschmückung zu sparen. Mit seiner Stofftasche über der Schulter streift der 45-jährige Mexikaner durch die Gänge, schüttelt hier und da eine Hand und lächelt sein Gegenüber entspannt an, als wären seine Tage in Miami nicht auf die halbe Stunde genau durchgeplant – von Meeting zu Meeting zu Sammlungsbesuch zu Cocktail zu Galeriedinner. Vor einem Jahr übernahm der Kurator die Leitung der Jumex Collection in Mexico City, einer Foundation, die neben dem Ausbau einer Sammlung internationaler und speziell mexikanischer zeitgenössischer Kunst die Forschung fördert, Künstlerprogramme auf die Beine stellt und an Kooperationen arbeitet, beispielsweise demnächst mit dem Museum of Modern Art in New York. Auf der Messe, deren "Art Public"-Sektion er bis vor einigen Jahren leitete, hält er nach Künstlern für die Sammlung Ausschau.

Die Messe in Miami ist eine Brücke zwischen Nord- und Südamerika

Ob er schon etwas gekauft hat? "Eine kleine Arbeit für mich selbst und etwas Größeres für die Sammlung. Ich kann aber leider noch nicht darüber sprechen." Warum bleibt die Art Basel Miami Beach in dem jährlich wachsenden Messekalender wichtig? "Durch die Messe hat sich die Aufmerksamkeit lateinamerikanischer Sammler von der Kunstmesse Arco in Madrid nach Miami verlagert, und das nicht nur in Bezug auf den Kunstkauf: Miami ist der Treffpunkt für den gesamten lateinamerikanischen Kunstbetrieb geworden." Durch die geografische Nähe hat sich die Messe in Florida zu einer Brücke zwischen nordamerikanischem und südamerikanischem Kunstmarkt entwickelt und dazu beigetragen, einen neuen Pool von Sammlern aus Brasilien, Mexiko und Argentinien aufzubauen. Yvon Lambert zum Beispiel verkauft zwei Fotografien Francesco Vezzolis an einen brasilianischen und einen argentinischen Sammler (150.000 Dollar pro Stück), und auch der Berliner Galerist Gerd Harry Lybke von der Galerie Eigen + Art freute sich schon am ersten Tag über gute Verkäufe an einen Sammler aus Puerto Rico. Während wir durch die eisgekühlten Messehallen laufen, erzählt Charpenel von einem Bekannten aus Mexiko, der seine Leidenschaft für Kunst hier in Miami entdeckte. Vor dem Besuch der Kunstmesse habe dieser noch nie einen Fuß in ein Museum gesetzt, heute sei er ein begeisterter Sammler.