Wir kannten Richi nur aus dem Internet. Wir haben ihn bei YouTube gesehen. Ein japanischer Student, der aus seiner Heimat berichtet, im März 2011, kurz nach dem Tsunami, der Zehntausende Menschen getötet und das Atomkraftwerk Fukushima zerstört hat. Richi filmte kaputte Häuser und angeschwemmte Autos. Er zeigte die Trauernden auf den Friedhöfen und die Atomkraftgegner auf den Straßen. Vor allem aber zeigte er sich selbst.

Es gibt ein Video, da hält er die Kamera erst auf die Trümmer, dann auf sein Gesicht. Er verzerrt den Mund, kneift die Augen zusammen, schnappt nach Luft. Richi wimmert und weint, 20 Sekunden lang. Als wir das Video zum ersten Mal sehen, schämen wir uns fremd. Er will über das Leid der anderen berichten und macht sein eigenes zur Show. Aber viele Leute mochten, wie Richi berichtete. So sehr, dass Spiegel Online ihn als Videoblogger anstellte.

Wir besuchen Richi – sein richtiger Name ist Ryuichi Miyakawa – in Tokio, weil Hobby-Reporter wie er den Journalismus verändert haben. Weil sich in der Zeit, in der Richi über den Tsunami berichtete, in der deutschen Medienwelt etwas Grundlegendes verändert hat.

Normalerweise treiben Kriege, Skandale und Katastrophen die Zeitungsauflagen in die Höhe. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York zum Beispiel hatten die Nachrichtenmagazine Rekordauflagen. Zehn Jahre später war alles anders. Nachrichten gab es Anfang 2011 zwar genug: Die Ägypter stürzten ihren Präsidenten, Karl-Theodor zu Guttenberg stürzte über seine gefälschte Doktorarbeit, in Libyen herrschte Krieg, und in Japan explodierte ein Atomkraftwerk. Aber Zeitungen und Zeitschriften wurden wenig gelesen. Spiegel, stern und Focus verkauften sich schlecht, alle großen deutschen Tageszeitungen verloren Leser. Deutschlands auflagenstärkstes Blatt, die Bild , hatte im März 2011 sogar ihr schlechtestes Verkaufsergebnis seit Jahrzehnten.

Die Menschen waren nicht ignoranter als zehn Jahre zuvor. Sie holten sich ihre Nachrichten nur anderswo. Nicht am Kiosk, sondern im Internet. Die dortigen Portale waren schneller als die Tageszeitung. Nach dem Tsunami wurden sie so oft angeklickt wie nie zuvor.

Und noch etwas hatte sich verändert: Die Nachrichten selbst kamen zunehmend von Menschen, die gar keine Journalisten waren. Sie waren nur dabei – bei den Demos am Tahrir-Platz, bei den Aufständen in Bengasi, beim Beben in Japan. Menschen, die mit ihren Mobiltelefonen filmten, was um sie herum geschah, und ihre verwackelten Bilder bei YouTube zeigten. Menschen wie Richi. Anfang 2011 haben die Analysten einer Schweizer Medienagentur ausgerechnet, wie diese Menschen die deutschen Medien beeinflussen. Sie haben untersucht, auf welche Quellen sich die deutschen Fernsehnachrichten am häufigsten beziehen. Das Ergebnis: Social Media hatte die Printmedien überholt. YouTube und Facebook wurden in der Tagesschau häufiger zitiert als Spiegel oder Bild.

Richis Videos sind radikal subjektiv. Sie verletzen alle Regeln, die Journalisten in ihrer Ausbildung lernen: sparsamer Einsatz der Ich-Perspektive, kritische Distanz, nüchterne Sprache. Aber die Spiegel Online-Leser wollten offenbar nicht nur das – sie wollten Richi. Gut eine Woche nach dem Tsunami schrieb der Leser "arminp" in einem Kommentar: "Ich finde diese Form der Berichterstattung authentisch und anrührend. Sie kann nicht die distanzierte, analytische Berichterstattung der herkömmlichen Medien ersetzen [...] aber sie ergänzt diese durch die direkte Betroffenheit, diese ungefilterte subjektive Sicht auf die Dinge." Richi kann etwas, was wir Journalisten offenbar nicht können: Er ist authentisch und emotional.