Ägypten ist ein historisches Labor. In einem brandgefährlichen Experiment entscheidet sich, welche "chemische" Verbindung Staat und Re- ligion künftig eingehen werden: Wird Ägypten ein liberaler Verfassungsstaat – oder eine autoritär geführte islamische Republik? Gelten die Verfassungsgrundsätze für alle Bürger gleichermaßen, auch für Nichtmuslime? Werden die Gesetze nach ihrer Verabschiedung von Religionsgelehrten "spirituell" nachgebessert?

Europäern ist das Grundmuster dieses Konflikts, wenngleich in einer anderen historischen Besetzung, aus ihrer eigenen Geschichte nur allzu vertraut: Es ist ein Kampf zwischen den Anhängern eines säkularen Staates und einer politischen Theologie. Die Muslimbrüder sind der Überzeugung, ein Staat dürfe nicht allein auf einer Verfassung gegründet werden, sondern brauche den Fels der Religion. Damit ist der Gegner klar markiert: Es sind die "Liberalen", die auf der strikten Trennung von Staat und Politik bestehen und glauben, eine Demokratie könne sehr wohl auf eigenen Füßen stehen – mit freien und gleichen Wahlen, mit Gewaltenteilung, mit Parlament und Rechtsstaat. Und natürlich mit unabhängigen Medien, die die Welt nicht schönreden, sondern sie aus freiem Geist politisieren.

Die politische Theologie der Muslimbrüder entstand im Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft und die "dekadente" Verwestlichung des Landes. Immer wieder verübten die Muslimbrüder Attentate auf Politiker, sie wurden inquisitorisch verfolgt, oft ohne Gerichtsurteil in Lager gesperrt und schwer gefoltert. Seit 80 Jahren fühlen sich die Muslimbrüder als Märtyrer der "gottlosen" westlichen Moderne, und vor allem haben sie nicht vergessen, dass Sajjid Kutb, nach Hassan al-Banna ihr wichtigster intellektueller Mentor, 1966 von Nasser in einem Schauprozess hingerichtet wurde. Kutb war 1948 als ägyptischer Bildungsbürger nach Amerika aufgebrochen und von dort als fundamentalistischer politischer Theologe zurückgekommen. In den Vereinigten Staaten, schrieb er, zeige sich das wahre Gesicht des Westens. Das Land sei ein einziges Sodom und Gomorrha, bewohnt von sittlich verwahrlosten und geistig "entleerten" Menschen, deren Lebenssinn sich im "Kult um den Dollar" und im einsamen Rasenmähen erschöpfe. Kurzum, die USA hätten die gottgegebene Einheit aus Politik und Religion zerstört, und das Ergebnis sei "Nihilismus". Nie wieder Amerika!

Zurück in Ägypten, trat Sajjid Kutb in die Muslimbruderschaft ein und verfasste endlose Abhandlungen über den Kampf des Islams gegen den Kapitalismus, über die Einsamkeit toter westlicher Seelen und das "Übel" der Juden. Inständig betete Kutb in seinen Büchern für die islamische Theokratie, denn alle Herrschaftsgewalt müsse "im Namen Gottes" ausgeübt werden – hier könne es keinen Kompromiss geben. "Der Koran ist unsere Verfassung." Mit seinen Parolen wurde er zum intellektuellen Gottvater der Islamisten, und nach Kutbs Tod machte sein Bruder Mohammed unermüdlich Propaganda für seine Schriften. Sein gelehrigster Schüler hieß Aiman al-Sawahiri, der spätere Vizechef von Al-Kaida. Zu ihnen stieß der Theologe Abdullah Jusuf Assam, auch er ein glühender Anhänger Kutbs. Sein Schützling hieß: Osama bin Laden.

Die politische Theologie eines Sajjid Kutb gilt vielen als typisch "orientalische Verirrung", als krankhafter Hass auf das moderne Leben. Und doch ist Antimodernismus kein Privileg des Islams, im Gegenteil: Einige seiner schärfsten geistigen Waffen stammen ausgerechnet aus den Rüstkammern der europäischen Kulturkritik. Kutb zum Beispiel kannte die Schriften der Gegenaufklärung, er kannte das Denken Nietzsches und wohl auch Heideggers Hass auf Amerika. Vor allem aber hatte es ihm ein französischer Nobelpreisträger angetan, der katholische Arzt Alexis Carrel. Auch Carrel wollte die "zerrissene" Moderne kurieren und Religion und Politik zu einer totalitären Einheit verschmelzen. Während Kutb seine politische Theologie aus dem Koran ableitete, entnahm sie Carrel (1873 bis 1944) der Bibel und setzte damit jenen berüchtigten katholischen Antimodernismus fort, dem die rechtsradikalen Piusbrüder noch heute anhängen.

Kurzum, die politische Theologie ist keineswegs eine islamische Erfindung. In Deutschland ist sie auf immer mit dem Namen Carl Schmitt verbunden, jenem Staatsrechtler, der es geschafft hat, ihr Ansehen moralisch zu ruinieren. Schmitt (1888 bis 1985) schrieb die Weimarer Republik bekanntlich in Grund und Boden, er hasste Liberale und Atheisten, und Juden hasste er auch dann noch, nachdem das von ihm mit herbeigeschriebene NS-Regime ihre europaweite Ermordung betrieben hatte.

Für den gläubigen Katholiken aus dem Sauerland ("Der Führer schützt das Recht!") war die parlamentarische Demokratie wie eine Schlange, die sich vom Schwanz her selbst auffrisst. Der liberale Staat, schrieb er in seiner Politischen Theologie (1922), habe keine Wahrheit in sich selbst und müsse deshalb an eine höhere Autorität zurückgebunden werden – an die Wahrheit des Christentums. Schmitt verstand das Christentum als Kampfreligion, das den Teufel niederhält bis zum Jüngsten Gericht. Diese Mission übertrug er dann auf die Politik, auch sie müsse den irdischen Teufel (Linke, Juden und säkulare "Selbsterlöser") bekämpfen und Freund und Feind unterscheiden. Dieser Kampf höre nie auf, und es dürfe hier keine Kompromisse geben, sonst drohe Nihilismus. Kommt einem das bekannt vor?