Die legendäre Reporterin Gabriele Goettle, die schon lange für die taz tätig ist, schafft mühelos den Übergang zur Literatur, ohne ihre journalistischen Wurzeln zu kappen. Wollte man sie mit einem bedeutenden Vorgänger vergleichen, so wäre es der Naturalist Zola; auch in dem Sinne, dass sie ein gelegentliches "J’accuse" nicht scheut.

Dem breiteren Publikum ist Gabriele Goettle durch ihre viel gerühmten, in Enzensbergers Anderer Bibliothek erschienenen Bände Deutsche Sitten (1991), Deutsche Bräuche (1994) und Deutsche Spuren (1997) bekannt geworden; ein fantastisches Panorama der Nachwendezeit, voll von abgründigem Witz. Danach hat sie sich jahrelang den Ärmsten gewidmet, auch daraus ist ein Buch geworden. Jetzt sind, erstmals im Kunstmann-Verlag, 26 Frauenporträts aus ihrer Feder unter dem Titel Der Augenblick erschienen.

Reportagen im opulenten, ausschmückenden Sinn schreibt Gabriele Goettle nicht mehr; vielleicht möchte sie sich auf den Kern der Botschaft konzentrieren. Man kann das bedauern, denn sie hat immer einen besonders schönen Sinn für Situationen gehabt. Es fällt auf: Die Autorin nimmt sich sehr zurück, kommentiert äußerst selten das Gesagte. Ein morgendliches Büro, freundlicher Empfang, Kaffee – und los geht’s. Das ist die typische, wenig aufregende Ausgangssituation. Aber wie Gabriele Goettle die Menschen zum Sprechen bringt, das ist einfach bewundernswert, offenbar steht ihr ein magisches Talent zur Verfügung. Das Aufnahmegerät läuft, und G. G. fasst das Gesprochene hinterher in eigenen Worten zusammen. Mimesis und Poesie kommen auf dieser handwerklichen Ebene zu ihrem Recht.

So "hören" wir also in diesen Texten vor allem Stimmen, und zwar überwiegend kluge, engagierte, aber auch bedrückte und bedrückende Stimmen von Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft (Ost und West gemischt) und unterschiedlicher Profession. Da gibt es so reizende Berufsbezeichnungen wie Kioskfrau, Ballerina, Tätowiererin, Hausmeisterin, Stützlehrerin oder Bienenforscherin. Daneben weniger exotische Berufe – Anwältin, Medizinhistorikerin, Buchhändlerin – und zudem Berufungen, denn viele der befragten Frauen arbeiten in sozialen Projekten. Sie alle verbindet ein kritischer Geist, und man darf vermuten, dass Gabriele Goettle mit ihnen sympathisiert.

Nur gelegentlich schleicht sich leiser Zweifel an der Haltung ein, etwa als eine Fischersfrau aus dem Wendland, von adliger Geburt, frei heraus zugibt, sie hätte den Reichsarbeitsdienst unter Hitler gemocht; zum Zeitpunkt des Treffens mit Goettle ist die alte Dame eine Kennerin des Aals und "antiatom" eingestellt, wie fast alle in der Gegend. Der Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben hat das einst pechschwarze Zonenrandgebiet radikal umgekrempelt, wie auch eine Biobäuerin ein paar Dörfer weiter bestätigt. Was nicht heißt, dass sie dort an der Elbe alle glückliche Grünen- oder SPD-Anhänger wären. Jürgen Trittin habe seine eigenen Ziele "verraten", meint die Biobäuerin. Und über Gerhard Schröder, der als Juso-Vorsitzender beim Widerstand noch mit von der Partie war, weiß sie zu berichten: "Als er Bundeskanzler war, hat er zu verstehen gegeben, ihr könnt gern zu mir nach Berlin kommen ins Kanzleramt, wir können fressen und saufen, aber bitte keine Politik!"

Enttäuschung bis hin zur Verbitterung ist bei vielen der Befragten herauszuhören, so bei der alten Frau, die seit über zwanzig Jahren mit offenem Bein lebt und in ihrem Kiosk in Berlin-Lichterfelde West die zunehmende Vereinsamung und Verarmung ihrer bröckelnden Kundschaft miterlebt; eine der anrührendsten Geschichten des Bandes ist diese auch deshalb, weil ein Stück deutscher Geschichte hier großartig kondensiert erscheint. Andere Porträts beeindrucken durch Fachkenntnis und etliche durch Engagement (die Gleichgültigen sucht Goettle nicht auf), wie eine junge Rechtsanwältin aus Frankfurt (Oder), die gegen die Neonaziszene vorgeht; wie eine miserabel bezahlte Lehrerin, die in Neukölln Unterschichtsjugendliche aus Lethargie und "unendlichem Nichtwissen" zu befreien versucht; wie eine Tänzerin, die sich für frühere Zwangsarbeiter aus der Ukraine einsetzt, sie besucht und ihnen Geld überbringt; wie eine Altenpflegerin, wie eine Telefonseelsorgerin.

Oder wie jene 60-jährige Beamtin der Bundesagentur für Arbeit, ehemals Arbeitsamt, die anonym bleiben möchte. Gnadenlos analysiert sie den Niedergang des Sozialstaats und des Mitgefühls für die Arbeitslosen, wobei die weiblichen Kollegen die schlimmsten seien: "80 Prozent der Arbeit, die wir täglich machen, geht in die Bewältigung von Verschlüsselung, in die Herstellung der Statistik", kurz in den "Selbsterhalt der Behörde". Damit nicht genug: "Das Geld ist da und wird verpulvert für den Erhalt von vorsintflutlichen Privilegien. Seit dreißig Jahren gibt es keine Demokratie mehr." Was unsere Gesellschaft produziere, seien "Parias".