Eigentlich hätte es diesen Prozess nie geben dürfen. Zwei Journalisten recherchieren, in einer extrem heiklen Sache, dem sogenannten "Sachsensumpf". Sie halten sich an die Regeln unseres Berufes, sie schreiben über den Komplex, in dem es um angebliche mafiöse Beziehungen zwischen Justiz, Politik und Organisierter Kriminalität in Sachsen geht, auch um Zwangsprostitution und Sex mit Minderjährigen. Sie stellen, mit aller Vorsicht, Fragen – nach möglichen Einflussnahmen, Regelverstößen, auch bei der Polizei. Sie versuchen aufzuklären, wie es Aufgabe der Presse ist. Eine Aufgabe, die von der Verfassung besonders geschützt wird.

Sie machen, kurz gesagt, ihren Job.

Aber diese beiden freien Journalisten, Thomas Datt und Arndt Ginzel, bekommen für ihre Recherchen keine Anerkennung, sondern Post vom Staatsanwalt. Wegen ihrer Berichte, von denen einer bei ZEIT ONLINE erschienen ist, werden Datt und Ginzel wegen übler Nachrede und Verleumdung angeklagt und im August 2010 vom Amtsgericht Dresden tatsächlich verurteilt, zu je 2500 Euro Geldstrafe. Es ist ein skandalöses Urteil – und falsch, wie die nächste Instanz jetzt festgestellt hat.

Natürlich, auch Journalisten machen Fehler. Wie sie arbeiten, wie sie mit der Macht umgehen, die sie mitunter haben, muss der Kontrolle durch die Öffentlichkeit unterliegen. Und das geschieht ja auch, zunehmend durch eine Netzgemeinde, die Fehltritte von Medien längst unbarmherzig offenlegt und kommentiert. Wo das nicht genügt, gibt es das Presserecht, mit dessen Hilfe Betroffene falsche Tatsachenbehauptungen aus der Welt schaffen können. Bemerkenswerterweise ist dieser Weg im Fall Datt/Ginzel nie beschritten worden. Ihr Artikel bei ZEIT ONLINE war jederzeit frei zugänglich. Die Journalisten wurden gleich vors Strafgericht gezerrt.

Das ist, weit über den Einzelfall hinaus, das Bedrohliche dieses Prozesses. Wenn Journalisten fürchten müssen, sie könnten auf der Anklagebank landen, wenn sie professionell recherchieren, dann können sie ihre Funktion für die Demokratie nicht mehr erfüllen.

Am Montag hat das Landgericht Dresden das Urteil der ersten Instanz aufgehoben und Datt und Ginzel freigesprochen. Das ist, obwohl das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, eine Erleichterung und Genugtuung für die beiden Freien. Es ist ein Sieg für die Pressefreiheit. Und es ist ein gutes Urteil für Sachsen, weil es hilft, die Sorge zu zerstreuen, im Südosten der Republik würden Journalisten verfolgt, die sich von Politik und Justiz nicht abwimmeln lassen.