Noch vor zehn Jahren schien er zum Greifen nahe, der Kollaps der politischen Mitte. Damals hatte eine neue Allianz von rechtsbürgerlichen Kräften den helvetischen Mainstream abgelöst. Angeführt und mehrheitsfähig gemacht wurde diese Renaissance eines Bürgerblockes von der SVP. Die einst gut integrierte Konkordanzpartei des gesunden Menschenverstandes wurde schnell zum Zentralorgan einer streng organisierten national- und sozialkonservativen Protestbewegung. Ins Visier nahm sie gleichzeitig den sozialdemokratischen Umverteilungs-, Gleichstellungs- und Regulierungsstaat und seine Steigbügelhalter aus der gutbürgerlichen Mitte. Die neuartige Fundamentalopposition von rechts trug man mit den Waffen unserer direkten Abstimmungs- und Stimmungsdemokratie aus. Eine verabsolutierte Volkssouveränität wurde gegen die Regierungskonkordanz und die parlamentarische Demokratie in Stellung gebracht.

Sekundiert wurde die SVP in ihrem Kampf gegen das politische Mitte-links-Establishment vom einst staatstragenden Freisinn. Nach massiven Wählerverlusten an den neuen bürgerlichen Leader war die FDP sturmreif geschossen – und bereit zum ideologischen Ausverkauf ihres sozialliberalen Markenkerns. Als Folge davon floh die Partei aus der politischen Mitte – ein folgenschwerer und bis heute nicht mehr korrigierter Entscheid. Ihre Flucht war begleitet von einem prononciert egoistischen, neoliberalen Selbstverständnis. Die FDP mutierte so von einer Volkspartei zu einer elitären Vorreiterin für mehr Globalisierung, härteren Wettbewerb und stärkere Individualisierung.

So schickte sich also vor zehn Jahren eine seltsame Koalition aus Globalisierungsturbos, Nationalkonservativen, Retro-Schweizern und Wutbürgern an, die vormals gutbürgerlich besetzte Mitte dauerhaft zu schwächen. Vereint waren ihre Protagonisten in ihrer Forderung nach weniger Staat, mehr Freiheit und mehr Lohn für die privaten Leistungseliten. Sowie dem Ruf nach weniger Umverteilung und mehr Autonomie in der Außenpolitik.

Vorbei waren die Zeiten, als die moderne Schweiz – wie noch bis zum Zweiten Weltkrieg – politisch dominiert wurde von einer Entente aus katholischen, liberalen und konservativen Kräften. Von einer überaus stabilen Koalition von Parteien aus dem Groß-, Klein- und Bildungsbürgertum. Zwar waren sie getrennt durch milieuspezifische Differenzen, durch Kader und Gefolgschaften. Aber was sie zusammenschweißte, war ihr gemeinsamer Wille zum Wachstum, zum Fortschritt, zum Aufstieg.

Vereint im Kampf gegen Sozialdemokraten und Gewerkschaften, personell verflochten durch gleichzeitige Engagements in Wirtschaft, Politik, Armee und Gesellschaft, ideologisch immunisiert gegen abweichende oder alternative Beurteilungen und Handlungsoptionen der Weltlage – das war das Schweizer Bürgertum.

Dennoch erwies sich dieses Machtkartell als erstaunlich anpassungs- und reformfähig. Dies insbesondere dann, wenn es um die gemeinsame Abwehr äußerer Bedrohungen ging. Was jeweils immer auch eine Sensibilisierung für den sozialen Ausgleich und den gesellschaftlichen Zusammenhaltes vorausschickte.

So erfuhr die gutbürgerliche Schweiz ihre historische Krönung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre sukzessive Öffnung hin zu kooperativen und durchaus kostenintensiven Tauschgeschäften mit Gewerkschaften und Sozialdemokraten war ein Erfolgsmodell. Als Gegenleistung dafür musste die hiesige Linke ihre vormalige Systemfeindschaft, ihre prinzipielle Ablehnung von bürgerlicher Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft aufgeben. Und also, gegen heftige interne Widerstände, eine schmerzhafte Wandlung hin zu einer Opposition innerhalb des eidgenössischen Systems vollziehen.

Die damit etablierte Verbürgerlichung der Sozialdemokratie ging einher mit der sukzessiven Sozialdemokratisierung einer vormals noch elitären Bürgerlichkeit. Dieser helvetische New Deal war es denn auch, der eine nunmehr sozialverträglich erneuerte Bürgerlichkeit zur Raison d’Être des ganzen Landes machte.

Ernsthaft und auf breiter Front aufgekündigt wurde dieser New Deal erst in den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ausgelöst durch das Ende des Kalten Krieges und den damit verbundenen Wegfall jedweder äußeren Bedrohung. Durch den Siegeszug der wirtschaftlichen Globalisierung und der weltweit verschärften Standortkonkurrenz um Märkte, Fachkräfte und Arbeitsplätze. Durch die nachfolgende Internationalisierung der Politik und die schleichende Relativierung der nationalstaatlichen Souveränität. Und last, but not least durch den erfolgreichen Marsch der postmateriellen 68er-Generation durch alle Institutionen und Organisationen von Politik und Gesellschaft. Ein Marsch, der die vorher noch wohldosierte, im Namen von mehr Verteilungsgerechtigkeit erfolgte Sozialdemokratisierung der Schweiz in kurzer Zeit nochmals befördert und zugleich erweitert hat.