1. Miese Zahlen

"Ich werde hier nichts beschönigen", sagte der ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger gleich zu Beginn der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Essen. Beschönigen hätte wohl auch keinen Sinn gehabt, denn die Zahlen, die er anschließend präsentierte, sprechen für sich: Fünf Milliarden Euro Verlust kamen im zurückliegenden Geschäftsjahr zusammen – so viel wie noch nie in der 200-jährigen Firmengeschichte. Schuld ist vor allem das Desaster in Übersee. Auf die beiden neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA musste der Konzern weitere 3,6 Milliarden Euro abschreiben. Im vergangenen Jahr schrumpften auch die Auftragseingänge und der Umsatz. Die Aktionäre müssen erstmals auf eine Dividende verzichten. Bislang gab es auch bei hohen Verlusten noch Geld.

Der Stahlkonzern ist in der schwersten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999. Damals war der Doppelkonzern noch 15 Milliarden Euro wert, heute sind es nur noch 8,4 Milliarden Euro. Die Ratingagentur Standard & Poor’s zählt die Anleihen des Konzerns inzwischen zu den spekulativen Papieren. Für ThyssenKrupp könnte es also teurer werden, frisches Geld einzusammeln. Und nächstes Jahr wird eine Milliardenanleihe fällig.

2. Schlechte Planung

2006 strotzte man bei ThyssenKrupp noch vor Selbstbewusstsein. Der damalige Vorstandschef Ekkehard Schulz flog nach Brasilien, um den Grundstein für ein neues Stahlwerk zu legen; dort, vor den Toren von Rio de Janeiro, wollte der Konzern fünf Millionen Tonnen Stahl pro Jahr erzeugen, um den amerikanischen Markt zu erobern. Es war die Zeit des Stahlbooms, auch die Anleger waren berauscht von der Wachstumsfantasie. Sie kauften so viele Aktien, dass sich der Börsenwert des Unternehmens fast verdreifachte.

Ein tiefer Absturz folgte. Das Werk wurde immer teurer. Anfangs hatten Berater 1,9 Milliarden Euro veranschlagt, am Ende musste der Aufsichtsrat 4,5 Milliarden Euro genehmigen, dazu kamen horrende Kosten in der Anlaufphase. Es wurde auch deshalb so teuer, weil die Manager billig bauen wollten. Für einen Teil des neuen Werks engagierten sie eine chinesische Firma. Geliefert hat sie Schrott. An Stahlträgern nagte der Rost, Schweißnähte waren mit Kautschuk verleimt, vieles musste abgerissen und neu gebaut werden. Schulz, der mittlerweile in den Aufsichtsrat gewechselt war, übernahm vor einem Jahr "die politische Verantwortung" und trat zurück.

Das Werk in Brasilien ist der größte Klotz am Bein des Krisenkonzerns. ThyssenKrupp will es loswerden. Die Suche nach einem Käufer laufe "planmäßig", heißt es. Sie zieht sich schon seit Monaten hin.

3. Hohe Schulden

Die krassen Fehlplanungen in Übersee treiben die Schulden des Konzerns noch weiter in die Höhe – inzwischen summieren sie sich auf fast sechs Milliarden Euro. Gleichzeitig schrumpft das Eigenkapital. Seit Jahren vernichtet der Konzern Vermögen. Hiesinger kündigte am Dienstag an, den Konzern "effizienter, flexibler und deutlich profitabler" machen zu wollen. Und weniger abhängig vom traditionellen Geschäft. Der Anteil der Stahlproduktion am Gesamtumsatz soll von 40 auf 30 Prozent sinken. Das meiste soll vom Bau großer Industrieanlagen, von Aufzügen und Rolltreppen sowie Autoteilen kommen. Dem einstigen Stahlgiganten wird Stahl immer unwichtiger.

Um die Kosten zu drücken, will Hiesinger allein beim Einkauf durch Verbundvorteile eine Milliarde Euro einsparen, außerdem will er die Verwaltung straffen. Personalabbau stünde dabei nicht im Vordergrund, sagte Hiesinger. "Aber es ist sicher, dass wir schlanker werden müssen."