Als an diesem Montag im Berliner Landgericht das Urteil im Rechtsstreit zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach verlesen wurde, rieben sich auch Kenner der Suhrkamp-Materie die Augen: So viele Prozesse dieser Art hatte es in den vergangenen Jahren seit dem Tod von Siegfried Unseld 2002 gegeben, und immer gingen sie aus wie das Hornberger Schießen: Danach lief alles weiter wie zuvor, nämlich neue Klagen der Gesellschafter, neue gegenseitige Attacken in Interviews und gleichzeitig, eigentlich ein Wunder, weiterhin neue, tolle Bücher. Dieses Urteil war nun tatsächlich ein Paukenschlag, eine Zäsur, die das Ende von Ulla Berkéwicz als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags einläutet.

Hans Barlachs Medienholding Winterthur hält 39 Prozent am Suhrkamp Verlag. Seit Jahren versucht er, seine Rechte als Minderheitsgesellschafter geltend zu machen. Seit Jahren möchte er in wichtigen Fragen des Unternehmens gehört werden. Seit Jahren dringt er auf die Absetzung der Geschäftsführung. Jetzt hat ihm das Landgericht Berlin recht gegeben. Es ist ein Paukenschlag, der alle erzittern lässt, denen das Schicksal des Suhrkamp Verlags am Herzen liegt. Wie immer man über die menschlichen Qualitäten von Ulla Berkéwicz denken mag, wie lang die Liste der Mitarbeiter auch ist, die unter ihrer Ägide gegangen worden sind, wie viele Mitgesellschafter sie juristisch auch in die Ohnmacht zu treiben versucht hat, als Verlegerin verantwortet sie nach wie vor ein glanzvolles und in der deutschen Verlagslandschaft einzigartiges Programm. Niemand kann wollen, dass das in Gefahr gerät.

Beim Suhrkamp Verlag war man über das Urteil "ebenso schockiert wie überrascht". Damit hatte man nicht gerechnet. Das aber ist ein bisschen verwunderlich. Ulla Berkéwicz hat ihre Mitgesellschafter nie als Ansprechpartner akzeptiert. Sie hat versucht, sie von möglichst allen Entscheidungen des Verlags fernzuhalten. Weil sie in Personalunion Mehrheitsgesellschafterin (über die Unseld-Familienstiftung, die 61 Prozent am Verlag hält) und Geschäftsführerin war, konnte sie ihre Macht voll ausspielen. Auch gegen den Geist des Gesellschaftervertrags. Und gegen den Geist des Gesellschaftsrechts insgesamt, das einem 39-prozentigen Minderheitsgesellschafter selbstverständlich eine erhebliche Mitsprache über die Geschicke des gemeinsamen Unternehmens einräumt.

Als Privatperson hatte sich Ulla Berkéwicz zusammen mit ihrem Bruder eine Villa in Berlins großbürgerlichster Lage, am Nikolassee, gekauft, deren einschüchternde Pracht und Herrlichkeit jeden Besucher den Atem anhalten lässt. Als Geschäftsführerin mietete sie sodann gleichsam von sich selbst Teile der Villa für den Verlag, um in diesen Räumen Schriftsteller und Gäste des Verlags zu empfangen. Es war der durchaus sinnvolle und überdies erfolgreiche Versuch, den Verlag nach dem Umzug in seinem neuen Berliner Umfeld gesellschaftlich zu verankern: der Suhrkamp-Salon.

Gewiss hatte seinerzeit auch Siegfried Unseld in der Nutzung und Abrechnung seiner Frankfurter Villa in der Klettenbergstraße nicht kleinlich zwischen privat und geschäftlich unterschieden, aber zwischen Siegfried Unseld und der Schweizer Unternehmerfamilie Reinhart (deren Nachfolger die Medienholding Winterthur ist) herrschte eben ein Vertrauensverhältnis. Hans Barlach wurde, anders als es der Gesellschaftsvertrag vorsieht, zu dieser Anmietung nicht gefragt. Daraufhin klagte er und bekam nun recht. Auch dass erhebliche Teile der Ausstattung der Villa dem Suhrkamp Verlag in Rechnung gestellt wurden, hat das Gericht moniert. Ein Geschäftsführer müsse – und das ist der inhaltlich entscheidende Gedanke des Urteils – die Interessen aller Gesellschafter vertreten.

Was will Hans Barlach mit dem Suhrkamp Verlag?

Was will Hans Barlach mit dem Suhrkamp Verlag?

Doch ist der Prozess über die Verlegervilla nur einer unter vielen. In Frankfurt ist ein weiteres Verfahren anhängig, das vielleicht noch stärker auf einen Showdown für Suhrkamp hinausläuft. Im Sommer hatte die Unseld-Familienstiftung einen Antrag auf Ausschließung der Medienholding Winterthur gestellt. Hans Barlach reagierte darauf mit einer Widerklage, indem er nun seinerseits die Ausschließung der Familienstiftung beantragte. Im Februar wird diese Sache in Frankfurt verhandelt. Weil kein Gericht der Welt zwei Gesellschafter dazu bringen kann, im Interesse des gemeinsamen Unternehmens sich zusammenzuraufen, könnte am Ende die Auflösung der Kommanditgesellschaft stehen. Anders als es bisher in den Zeitungen zu lesen war, bedeutet dies aber nicht zwangsläufig das Ende des Verlags. Das Gericht verfügt in diesem Falle, dass die Kommanditisten ihre Anteile verkaufen müssen. Ein Dritter oder sie selbst können sie dann wieder kaufen.

Wenn Barlach und Berkéwicz, wie es der Frankfurter Richter in der vergangenen Woche drastisch zum Ausdruck brachte, im jeweils anderen die Verkörperung des Bösen sähen, wäre natürlich eine naheliegende Lösung, dass ein neuer Investor die Anteile der Medienholding Winterthur kauft. Aber zum einen scheint Hans Barlach keineswegs gewillt zu verkaufen, im Gegenteil, er hat der Familienstiftung sogar umgekehrt ein Kaufangebot über deren 61 Prozent vorgelegt. Doch davon abgesehen, ist es extrem unwahrscheinlich, dass irgendein noch so kulturell engagierter Geldgeber bereit wäre, sich seinerseits in die ohnmächtige Rolle von Ulla Berkéwicz’ Minderheitsgesellschafter zu begeben, nur um das Schicksal seiner Vorgänger zu erleiden.

Was will Hans Barlach mit dem Suhrkamp Verlag? So richtig wird das nicht klar. Aus dem Umkreis von Ulla Berkéwicz hört man natürlich nur das Schlimmste. Er wolle sich am Suhrkamp Verlag bereichern wie ein Finanzinvestor, der ein Unternehmen übernimmt, um es auszuschlachten. Hans Barlach sagte jetzt gegenüber dieser Zeitung, er sei daran interessiert, dass der Verlag wieder ins Programm investiere. Außerdem sei er überzeugt, dass es einige hochkarätige Namen gebe, die als Suhrkamp-Verleger infrage kämen, mit denen die Autoren glücklich wären und beide Gesellschafter leben könnten. Das sei, betonte er, absolut denkbar aus seiner Sicht. Es sei nämlich Rufmord, wenn über ihn verbreitet werde, er wolle einen Verlag ohne Novitäten, der nur von der Backlist lebt. Tatsächlich erwirtschaftet der Verlag 55 Prozent seines Umsatzes mit der Backlist. Das ist bedenklich, weil es heißt, dass die Novitäten zu schwach sind. Da muss ins Programm investiert werden.

Tatsächlich, sagt Barlach weiter, sei der Verlag wirtschaftlich auf keinem guten Weg – und zwar weil Ulla Berkéwicz keine gute Geschäftsführerin sei. Der Verlag aber müsse wirtschaftlich stark sein, um auch in Zukunft beim Wettbewerb um Rechte mithalten zu können.

Ist es gegen den Geist der Suhrkamp-Kultur, wenn man darauf verweist, dass diese nur auf der Basis betriebswirtschaftlich solider Finanzen gedeihen kann? Spricht man mit anderen erfahrenen Verlegern, so sagen alle ungefähr dasselbe. Der Suhrkamp Verlag habe bei einem vermuteten Jahresumsatz von 30 bis 35 Millionen Euro zu viele Mitarbeiter. Zumal Verlage heute ihren Hauptumsatz mit dem Taschenbuch machen. Beim Taschenbuch aber sehen die Marktanteile für Suhrkamp leider nicht gut aus.

Der Suhrkamp Verlag hat sein Verlagsgebäude in Frankfurt verkaufen können, ebenso das Suhrkamp Archiv an Marbach. Das war für die Bilanz gut, sind aber einmalige Erlöse. Ulla Berkéwicz, das hat sie nicht nur mit ihrer Neugründung des Verlags der Weltreligionen bewiesen, hat einen sehr anspruchsvollen verlegerischen Ehrgeiz. Zur Aura des Verlags gehört auch seine scharfe Abgrenzung von der Populärkultur. Wo S. Fischer seinen Tommy Jaud und Rowohlt seinen Eckart von Hirschhausen hat, da klafft bei Suhrkamp eine stolze Lücke. Es ist nicht so, dass man sich da ein Umdenken wünscht. Aber man wünscht sich auch nicht, dass der Verlag in stolzer Vornehmheit untergeht.

Doch im Moment droht der Untergang von anderer Seite. Mögen die Beteiligten zur Einsicht kommen, um das kulturelle Erbe, das sie in den Händen halten, nicht zu beschädigen. Ulla Berkéwicz hat, das ist nun amtlich, das Gesellschaftsrecht gebeugt. Hans Barlach aber ist in der Gefahr, zum Michael Kohlhaas zu werden, der sein Recht verfolgt, auch wenn der Verlag dies nicht überlebt.