Diese Geschichte könnte sich George Orwell ausgedacht haben. Sie begann am Tag nach den Sommerferien, als Andrea Hernandez, 15, ihren neuen Schülerausweis an ihrer High-school im texanischen San Antonio in Empfang nehmen wollte. Der Ausweis war anders als sonst: An einer dunkelblauen Kette baumelte eine Plastikkarte mit ihrem Foto, ihrem Namen und einer verschlüsselten Identifikationsnummer samt batteriebetriebenem Chip. Sobald sie das Schulgelände betrat, würde er ihren Aufenthaltsort an einen zentralen Schulcomputer senden. Egal, ob sie sich in Klasse, Turnhalle, Cafeteria oder auf dem Klo aufhalten sollte – die Schulverwaltung würde es wissen. Die 4200 Schüler hatte sie kurz vorher mit einem Brief benachrichtigt.

»Was soll das?«, fragte Hernandez, ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren und einem hübschen Gesicht. »Das Ding hänge ich mir nicht um den Hals!« Ihr Lehrer entgegnete stolz, dass die Schule damit feststellen könne, wie viele Schüler jeden Tag in die Schule kämen. Das Tragen des neuen Ausweises sei Pflicht, ein Verstoß habe disziplinarische Folgen. Hernandez blieb standhaft, zu Hause schnitt ihr Vater den Ausweis in zwei Teile und holte Chip und Batterie heraus. Am Montag wird sie sich wegen ihrer hartnäckigen Weigerung vor einem texanischen Gericht verantworten müssen.

Die John Jay High School ist eine Begabtenschule, sie hat einen guten Ruf. Doch nun muss sie sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie würde Kinder überwachen. Der Streit ist so aufgeheizt, dass alle Beteiligten nur noch über ihre Anwälte sprechen oder sie selbst bei Telefoninterviews dazuschalten. »Nichts liegt uns ferner, als den Big Brother zu spielen«, sagt Craig Wood, der Anwalt der Schulbehörde. Im Grunde, beschwichtigt er, gehe es nur um Geld.

In Texas werden die Zuschüsse für Schulen anhand der täglichen Anwesenheitsquote der Schüler errechnet. Gezählt wird morgens nach dem ersten Klingeln: Wenn ein Schüler nicht auf seinem Stuhl sitzt, darf er nicht mitgerechnet werden. Ausgerechnet an der John Jay High School blieben früher oft viele Stühle leer. Manche Schüler schwänzten die erste Stunde oder kamen zu spät. Andere lungerten auf den Fluren herum oder waren auf der Toilette. Sie alle wurden nicht mitgezählt. »Der Bezirk«, sagt Anwalt Wood, »hat Jahr für Jahr knapp zwei Millionen Dollar an staatlicher Förderung verloren.«

Deshalb kam die Schulbehörde auf die Idee mit dem Chip. Über eine Radiowelle signalisiert er dem Schulcomputer, welche Schüler das Schulgelände im Laufe des Tages betreten haben. RFID nennen die Amerikaner dieses System, Radio Frequency Identification Device. Die Anschaffung, so Wood habe eine halbe Million Dollar gekostet, der laufende Betrieb belaste die Kasse mit jährlich rund 100000 Dollar. Es hat diesen Versuch an einigen anderen Schulen in Amerika gegeben, doch keine hat die Idee so konsequent umgesetzt wie die von Andrea Hernandez. Es heißt, der Schulbezirk Northside erwäge bereits, in Zukunft alle hunderttausend Schüler mit einer Chipkarte auszustatten.

Als Europäer würde man denken, Andrea Hernandez habe George Orwells Überwachungsroman 1984 gelesen und würde als Grund für ihren Einspruch vor allem die Verletzung ihrer Privatsphäre ins Feld führen. Doch die strenggläubige Christin fühlt sich vor allem in ihrer Religionsfreiheit verletzt: Der elektronische Schülerausweis ist für sie eine Gotteslästerung. Am Telefon zitiert ihr Vater das erste der zehn Gebote: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« In der Johannesoffenbarung, fährt er fort, trügen nur Antichristen und Tiere einen Zahlencode. »Meine Tochter ist doch kein Hund!« Die Familie gehört der evangelikalen Cornerstone Church in San Antonio an, die von dem ultrakonservativen Pastor und Obama-Hasser John Hagee gegründet wurde.

Hernandez, eine Zehntklässlerin, ist eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs, ihre Lehrer haben sie früher oft gelobt. Nun hat sie sich in den Augen der Schulbehörde in eine Querulantin verwandelt. Seit drei Monaten weigert sie sich, den neuen Schülerausweis zu tragen. Sie hat nach dem Unterricht auf dem Schulgelände gegen die Chipkarte demonstriert, Flugblätter geschrieben und sie verteilt. Sie ist nicht die Einzige, die sich wehrt. 350 Mitschüler, sagt ihr Vater, hätten sich inzwischen angeschlossen. Mehr als 600 Menschen hätten eine Petition gegen die Chipkarte unterzeichnet, «nicht nur aus religiösen, sondern aus ganz unterschiedlichen Gründen«. Oft habe er sich nach Schulschluss auf die andere Straßenseite gestellt und Unterschriften von Eltern, Busfahrern und selbst Lehrern gesammelt.