Marty Leary beobachtet Entwicklungen bei der Deutschen Bank besonders genau. Aber der Amerikaner ist nicht in der Finanzbranche tätig. Er arbeitet für eine amerikanische Organisation namens Deutsche Bank Risk Alert, eine Art Wachhund, der das größte deutsche Kreditinstitut kritisch beobachtet. Auf der Internetseite finden sich Informationen über anhängige Rechtsstreitigkeiten und laufende Untersuchungen von Behörden und Regulierern – und jede Menge Vorwürfe, die die Deutsche Bank in Bedrängnis bringen.

Hinter der Initiative steckt die Gewerkschaft Unite Here, die 250.000 Kasino-Beschäftigte vor allem in Las Vegas vertritt. Durch missglückte Immobilienkreditgeschäfte ist die Deutsche Bank zum Eigentümer des neuen Mega-Kasinos Cosmopolitan geworden. Auch bei Station Casinos sind die Frankfurter Miteigentümer. Und so ist laut Leary die Deutsche Bank mittlerweile zu einem großen Arbeitgeber der Spielerbranche geworden. "Die Deutsche Bank war für uns unbekannt, deshalb haben wir angefangen zu recherchieren", sagt Leary. Was die Las-Vegas-Gewerkschafter über ihren neuen Großarbeitgeber fanden, beunruhigte sie. So sehr, dass sie alle Informationen, die sie bekommen können, über Deutsche Bank Risk Alert öffentlich machen.

Prominent auf der Seite ist derzeit Eric Ben-Artzi vertreten, jener ehemalige Risikoanalyst der Deutschen Bank, der nun schwere Vorwürfe gegen seinen Exarbeitgeber erhebt. Das Institut soll laut Ben-Artzi während der Finanzkrise Kreditderivate besser bewertet haben, als nach US-Bilanzregeln erlaubt. Wäre die Deutsche Bank gezwungen gewesen, den Wert des Portfolios entsprechend nach unten zu korrigieren, hätten bis zu 12 Milliarden Dollar Verluste gedroht. Das hätte den Finanzkonzern ausgerechnet in einer brisanten Zeit deutlich geschwächt – eventuell hätte sogar der deutsche Staat eingreifen müssen, spekulierte die Financial Times. Ben-Artzi und zwei weitere Exmitarbeiter der Deutschen Bank sind mit ihren Informationen zur US-Börsenaufsicht SEC gegangen. Die Bank weist die Anschuldigungen energisch zurück: Die Vorwürfe seien alt, der Sachverhalt vor zweieinhalb Jahren bekannt und untersucht worden, die Anschuldigungen deshalb "völlig unbegründet". Die Bank kooperiere in der Sache weiterhin mit der SEC, erklärte ein Sprecher der Deutschen Bank auf Anfrage der ZEIT.

Egal, wie der Fall ausgehe, glaubt Gewerkschafter Leary, allein die Schlagzeilen dürften weitreichende Auswirkungen für die Deutsche Bank haben. Denn sie sei im Visier der US-Notenbank Fed. Leary verweist auf Äußerungen von Fed-Gouverneur Daniel Tarullo bei einer Veranstaltung der Elite-Universität Yale vor knapp zwei Wochen. Da skizzierte Gastredner Tarullo, wie die Fed als Aufseher gesetzliche Schlupflöcher für Auslandsbanken schließen könne. Das Ganze war keine akademische Übung für Studenten. Tarullo, der als sehr bankenkritisch gilt und bei der Fed eine führende Rolle in Sachen Regulierung spielt, gab damit einen Warnschuss ab. Denn die Deutsche Bank hat sich im Frühjahr durch eine Umstrukturierung den strikteren Kapitalauflagen der US-Aufseher entzogen.

Es war eine Reaktion auf eine kaum beachtete Vorschrift der Dodd-Frank-Finanzreform. Sie besagt, dass Auslandsbanken, die in den USA aktiv sind, für diese US-Einheiten genauso hohe Eigenreserven vorhalten müssen wie ihre einheimischen Konkurrenten. Zuvor konnten Auslandsbanken darauf verweisen, bei Bedarf auf die Reserven ihres Hauptquartiers im Heimatland zugreifen zu können. Deshalb mussten ihre Töchter nicht den Mindestreserveauflagen der Fed genügen. Die Deutsche-Bank-Tochter etwa operierte jahrelang mit negativer Eigenkapitalquote. Doch während der Finanzkrise sah sich die Fed gezwungen, bei ihren massiven Stützungsprogrammen auch ausländischen Instituten unter die Arme zu greifen. Deshalb die Änderung.

Die Neuregelung, die 2015 in Kraft treten soll, brachte die Deutsche Bank und andere ausländische Institute wie die Londoner Barclays Bank in Zugzwang – sie hätten plötzlich Kapital in ihre US-Holdings pumpen müssen. Bis zu 20 Milliarden Dollar wären nach bankinternen Schätzungen nötig geworden, um die neuen Mindestregeln einhalten zu können, berichtete das Wall Street Journal. Zu der Summe wollte sich die Bank nicht äußern. Es ist jedenfalls keine attraktive Vorstellung für die Bankchefs, so viel Kapital aufbringen zu müssen, angesichts schleppender Wirtschaftserholung, Euro-Krise und allgemein wenig finanzfreundlichem Umfeld.

Die Frankfurter fanden einen Ausweg. Die Bank änderte die Rechtsform ihrer amerikanischen Tochter. "Mit Wirksamkeit zum 1.Februar2012 ist die Taunus Corporation nicht länger Holdinggesellschaft der Deutschen Bank Trust Company America" heißt es in einer Fußnote im Geschäftsbericht. In der Taunus Corp. waren bis dahin die US-Geschäfte gebündelt gewesen. In der neuen Form würde die Deutsche Bank bei ihren amerikanischen Geschäften nicht den strengeren Regeln der Dodd- Frank-Reform unterliegen.