Bevor Daniel und ich zusammen in Die Vermessung der Welt gingen, las ich sein Buch. Ich lag jeden Abend auf dem Sofa mit dem Kopf zum Fenster, und ab und zu legte ich das Buch weg, betrachtete das kitschige tschechische Frauenporträt aus den Sechzigern an der Wand gegenüber und dachte: Neunzehntes Jahrhundert, Deutschland, zwei gestörte Genies, wieso interessiert mich das nicht?

Im Kino in der Kulturbrauerei – es war erst halb fünf am Nachmittag – waren Daniel und ich fast die Einzigen. Trotzdem standen wir lange an der Kasse, weil zwei kleine, grauhaarige Damen vor uns sich nicht entscheiden konnten, in welchen Film sie gehen sollten. »Gehen Sie in Die Vermessung der Welt«, sagte ich. »Das wollten wir«, sagte die eine traurig. »Aber es geht nicht«, sagte die andere, »der ist in 3-D. Und meine Freundin hat nur noch ein Auge. Das funktioniert bei ihr nicht.« – »Hier ist der Autor«, sagte ich lachend, »reden Sie mit ihm. Er liebt 3-D, und er hat das Drehbuch geschrieben. Er ist schuld!« Daniel senkte den Kopf, wurde rot, und dann gab er sich doch noch als der weltberühmte Herr Kehlmann zu erkennen und entschuldigte sich. »Das war für die beiden besser, als wenn sie den Film gesehen hätten«, sagte ich, als wir im dunklen Kinosaal unsere 3-D-Brillen aufsetzten. »Hoffentlich nicht«, erwiderte er.

Drei Stunden später – Alexander von Humboldt hatte die ganze Welt bereist, Professor Gauß hatte sie in ein paar mathematische Formeln gepresst, und außerdem hatten wir eine Menge eingeborener Frauen nackt gesehen – saßen Daniel und ich im lauten, gemütlichen, ekligen Grill Royal, und er stellte mir die Frage, vor der ich die ganze Zeit Angst gehabt hatte. »Nein«, antwortete ich nach einem kurzen Zögern, »der Film hat mir nicht gefallen, sei mir nicht böse. Man weiß überhaupt nicht, warum diese beiden staubigen 19.-Jahrhundert-Typen so aufgeregt durchs Leben hetzen und ständig wissenschaftliche Probleme lösen müssen. Und wieso haben sie nicht mal einen anständigen Anzug von Dries Van Noten an? Oder wenigstens eine graue Cheap-Monday-Jeans? Nein, da hilft auch kein 3-D.« Daniel lachte – er lacht immer ein bisschen zu hoch, und seine Stimme ist immer ein paar Töne höher, als sie sein sollte, das kommt von der Aufregung, auf der Welt zu sein, das kenne ich –, dann zog er den Teller mit dem kilometerhohen Steak noch näher an sich heran und sagte: »Ich bin froh, dass du das sagst. Dann hat die Kritik doch recht gehabt.«

»Vielleicht irre ich mich«, sagte ich, »geh lieber noch mal mit jemand anderem rein.«

»Keine schlechte Idee«, sagte er und lachte wieder, aber es war klar, dass das Thema für ihn erledigt war.

Hinterher aßen wir schweigend – er sein Steak, ich mein Bœuf Stroganoff, das wahrscheinlich beste Bœuf Stroganoff östlich des Limes –, und als wir fertig waren, sagte er: »Und das Buch? Wie findest du das Buch?«