Weihnachten 1956 schrieb Kiffbruder Kerouac einen Brief ans Christkind. Jack Kerouac wünschte sich vom Christkind ein bisschen Bares. Das Christkind hatte den Namen, die Adresse und die Zottelfrisur von Allen Ginsberg. »Lieber Al: Weit davon entfernt, Dir die $6 zu schicken, die ich Dir schulde, habe ich bereits Sterling Lord gebeten, mir etwas zu leihen und mir $ 40 für meine Hin- und Rückfahrt mit dem Manuskript zu senden, aufgrund der frohen Weihnachten, die ich hier unten mit dem Kauf von Truthähnen und Whiskey für alle und Geschenke hatte...«

Wie lieb. Genauso fangen alle Briefe ans Christkind an. Alle Kinder erklären dem Christkind, dass ihr Wunsch ganz besonders sinnvoll ist. Wenn sie sich eine Playstation wünschen, dann erklären sie, dass eine solche Playstation supergut ist fürs Gehirn, weil das Gehirn so schnell reagieren muss beim Spielen. Wenn sie sich eine neue Ausstattung für eine Barbiepuppe wünschen, dann erklären sie, dass das Spielen mit einer Barbie ganz toll ist, weil sie dann schon mal üben können für das echte Baby, das sie später haben werden. Und so erklärt Jack Kerouac also dem Christkind namens Allen Ginsberg, dass er das Geld, das er sich von Gott weiß wem überall zusammenleiht, auf sehr nette, sehr soziale Weise wieder ausgibt, nämlich für ein schönes Weihnachtsfest mit Truthahn, Geschenken und, na ja, Whiskey. Da wird man doch weich als Christkind und schickt noch mal ein paar Dollar rüber nach San Francisco, oder?

Noch putziger ist allerdings der Weihnachtsbrief von Gottfried Benn aus dem Jahr 1935. Gottfried Benn ist der Name eines der härtesten Machoknochen in der deutschen Literaturgeschichte. Einzigartige Gedichte machten ihn berühmt. Aber den Herrn Doktor machte eben auch der Satz »Gute Regie ist besser als Treue« berühmt. Er meinte damit die schiere Menge weiblicher Statisten, die er im Lauf seines Liebeslebens zu verwalten hatte. Nun aber steht Weihnachten vor der Tür. Da verschieben sich die Dinge. Da wären ein bisschen Treue, ein bisschen Frau, Familie und Gedöns nicht schlecht. Aber Tilly Wedekind, die Dauergeliebte (natürlich nicht die einzige) hat keine Lust, von Berlin ins öde Hannover zu reisen, um am Heiligen Abend mit dem Machoknochen unter dem Baum zu sitzen, Lieder zu singen und Gänsebraten zu verspeisen.

Bitter beschwert sich nun unser Doktor Gottfried Benn über sein Schicksal als einsamer Regisseur. »Selbst an den christlichen Feiertagen, wo das Gemüts- und Familienleben sein Recht beanspruchen kann, wird er ausgeschaltet, kaltgestellt, muss die 2. Rolle und die 5. Geige spielen! Berlin lockte Dich gewiß diesmal auch besonders...«

Christlich? Gemütsleben? Hallo? Hören wir hier den Mann, der die Statischen Gedichte verfasst hat? Aber Weihnachten ist eben ein seelischer Sonderfall. Und es ist ein wunderbares Buch, das die Berliner Lektoren und Publizisten Petra Müller und Rainer Wieland zusammengestellt und so profund wie unterhaltsam kommentiert haben. Es enthält Weihnachtsbriefe von Schriftstellern. Nicht alle sind so überraschend wie der von Benn. Dass Thomas Mann an seine Körperpflege und Richard Burton auch zu Weihnachten nur an das eine denkt, wenn er an Liz Taylor denkt, ist irgendwie erwartbar.