Da kommt er ja, der dicke Bub", sagt Sepp Schelling und schaufelt den Kater auf seine Arme. Seinen tatsächlichen Namen will der grau melierte Mann nicht veröffentlicht sehen. Er blickt aus der offenen Terrassentür seiner Villa. Der kalte Wind bläst Bäuche in die Vorhänge. "Er streift ja hier immer herum, der fette Bub. Fragen’s ihn, der kennt sicher jede Protzburg hier."

Hier, das ist in der Himmelstraße im 19. Wiener Gemeindebezirk, einer der teuersten Wohngegenden Österreichs. Am nordwestlichen Stadtrand, zwischen Wiesen und Weinbergen, läuft die schmale Straße 2,5 Kilometer lang stur geradeaus, steil im Anstieg, Richtung Wienerwald. Je weiter man hinauf wandert, desto luxuriöser werden die Häuser. Wer hier wohnt, hat es geschafft. Erfolgreiche Wurstdarmhautproduzenten, Inhaber von Reinigungsfirmen für Toiletten, Boulevardblattmacher, Hotelmanager, Architekten und berühmte Künstler haben ihre Prunkbauten in diese Idylle gesetzt. Hohe Bäume stehen wie Wächter vor ihren stolzen Villen, hinter breit angelegten Zäunen, die mit ihren goldenen Spitzen wie brennende Fackeln aussehen. Klickende Bewegungsmelder und surrende Überwachungskameras stören die Stille. Schweigen hier die Reichen, über die in Umverteilungsdebatten so viel diskutiert wird?

Aktuellen Schätzungen zufolge besitzen die vermögendsten elf Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte aller Güter und Werte. Viele sind weniger durch eigene Leistung als vielmehr durch den steigenden Wert ihrer Immobilien in den Geldadel aufgestiegen.

Wer wirklich reich ist, lasse sich nicht genau feststellen, sagen Experten. An plakativen Kriterien wie Kaviarschlemmerei oder geselligen Sektflötenkonzerten erkenne man die Upperclass jedenfalls nicht. Vermögen ist laut Studien noch der verlässlichste Reichtumsindikator, doch Vermögen lässt sich schwer erfassen. Die meisten Wohlhabenden ziehen vor ihrem Eigentum schützend die Rollläden herunter. Die aktuellen Berichte der Österreichischen Nationalbank und des Arbeitsministeriums offenbaren zwar, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderklafft als vermutet. Doch die Wirklichkeit können sie nur unzureichend abbilden. Es fehlen zu viele Daten. "Sowohl die Vermögenskonzentration als auch die Anzahl von Antwortverweige- rungen sind hoch", schreiben die Autoren des Nationalbankberichts. Nur die wenigsten würden sich offen zu ihrem Reichtum bekennen.

"Über Geld reden wir aber nicht", sagt Schelling und zieht die Augenbrauen hoch. Mit der Hand wischt er über das Fell seines schnurrenden Katers. "Der Neid", erklärt er seine Reaktion. Er möchte nicht riskieren, als Geldsack abgestempelt zu werden. Der Künstler wohnt und arbeitet schon lange hier, in einer alten Villa, weilt allerdings oft im Ausland. "Ich reise Luxusklasse, wenn ich dazu eingeladen werde", sagt er und bedeckt mit gespielter Furcht den Mund mit der Hand, als hätte er gerade ein Schweigegelübde gebrochen. Der Kater windet sich aus seinen Armen. Schelling setzt sich an den Tisch. "In den USA", sagt er, "muss man nicht so ein Tamtam machen, da schreibt man sogar das Jahreseinkommen auf die Visitenkarte."

Wenn die Rebstöcke verödet sind, flattert ein Rodungsbescheid ins Haus

Eine Villa nach der anderen reiht sich in die Häuserketten entlang der Himmelstraße. An den Klingeln der Gartentore der luxuriösesten Anwesen stehen keine Namen. "Manche Villen könnte man neben dem Buckingham-Palast aufbauen", sagt Gustav Peichl, der den chronischen Betonwuchs schon seit Jahren misstrauisch beobachtet. Der Architekt wohnt seit 1962 in einem schlichten Haus auf einem Grundstück, das früher niemand haben wollte, weil es schmal ist und an einem Abhang liegt. Heute bieten ihm Spekulanten für seine Immobilie hohe Summen an. "Die rote Stadtregierung lässt das alles zu", sagt der 84-Jährige. "Für ihre Investorenfreunde gibt es immer Ausnahmegenehmigungen. Da wird Grünland umgewidmet und gebaut, ohne Ende."

Der Döblinger Bezirksteil Grinzing zählt zu den teuersten Spekulationsgebieten Österreichs. Vor ein paar Jahren rangierte das ehemalige Weinbauerndorf sogar noch vor begehrten Nobelrevieren wie Kitzbühel oder Wörtherseeufer. Neben finanzstarken Österreichern errichten rund um die Himmelstraße einflussreiche Unternehmer aus Saudi-Arabien, der Ukraine oder Russland ihre Domizile. Der Grundstückspreis liegt laut dem Immobilienpreisspiegel der Wirtschaftskammer bei 800 bis 1500 Euro pro Quadratmeter. Tatsächlich bezahlt wird in Grinzing jedoch viel mehr. Winzer klagen, dass Weinberge oft nur gekauft würden, um abzuwarten, bis die Weinstöcke eingegangen seien. Nach drei Jahren flattere der erlösende Rodungsbescheid ins Haus, und die Umwidmung in Bauland sei nicht mehr weit, besonders, wenn viel Geld da sei, um die Richtung vorzugeben.

"Was nicht passt, kann leicht passend gemacht werden", sagt Rechtsanwalt Georg Rihs, ein Baurechtsexperte. Die Wiener Bauordnung lasse den Behörden genügend Spielraum, um großzügige Ausnahmen für Umwidmungen oder Abweichungen vom Bebauungsplan durchzuwinken. Der Bau eines Gebäudes könne auch dann genehmigt werden, wenn es der Flächenwidmungsplan auf lange Sicht eigentlich verbiete: "Wenn gemäß Paragraf 71 Wiener Bauordnung eine vorübergehende Genehmigung erteilt wird, bleibt das Gebäude meist viel länger stehen und der Widmungsplan wird einfach der Realität angepasst."

Nicht immer waren Grund und Boden entlang der Himmelstraße so begehrt. Früher lebten arme Winzer hier, die sich mit mehreren Familien ein Haus teilen mussten. Sie waren vor allem von der Kirche abhängig. Besonders der Stadtrand war vor Angriffen von außen gefährdet. Wurden dabei Häuser zerstört, half die Kirche beim Wiederaufbau. Im 18. Jahrhundert ließ Josef II. sämtliche Klöster auflösen. Mit einem Patent erlaubte er den Anrainern, für ein paar Wochen im Jahr ihren Wein auszuschenken und sich den Ertrag zu behalten. Die Himmelstraße wurde zur Heurigenmeile. Die Stadtbewohner zog es im biedermeierlichen Zensurstaat des 19. Jahrhunderts an den Stadtrand. "Unter Metternich ist man hinausgefahren, um dort ungestört reden zu können", erzählt Hans Scheikl, Leiter des Bezirksmuseums Döbling.