Reich werden die anderen – Seite 1

Ein Ofen produziert nicht nur Wärme, ein Kühlschrank nicht nur Kühle und ein Fernseher nicht nur bunte Bilder. All die Elektrogeräte, die in einem deutschen Durchschnittshaushalt herumstehen, sorgen auch noch für etwas anderes: für Geld. Nur dass das Geld nicht derjenige kassiert, dem die Geräte gehören, sondern derjenige, der den nötigen Strom erzeugt. Vor allem, wenn der Strom aus Sonne oder Biogas stammt. Oder aus dem Wind.

Eine Waschmaschinenfüllung zum Beispiel verbraucht knapp eine Kilowattstunde Strom. Dafür bekommt der Betreiber eines Windparks eine garantierte Mindestvergütung von rund acht Cent, egal wie hoch der Marktpreis für den Strom gerade ist. Liegt er zum Beispiel nur bei fünf Cent, legt der Staat noch mal drei Cent obendrauf. In diesem Jahr subventioniert der Staat die Windenergie auf diese Weise mit zwei Milliarden Euro.

Wobei "der Staat" der falsche Begriff ist. Das Geld zahlen zu Hundert Prozent die Stromverbraucher per Extra-Abgabe. Allerdings nicht alle gleichermaßen. Ein Durchschnittshaushalt ist mit 25 Euro im Jahr dabei, Großverbraucher wie Aluminiumschmelzen oder Stahlhütten sind von der Abgabe weitgehend befreit. Die oft zitierte linke These, dass die Kleinen für die Großen zahlen – bei der Windkraft stimmt sie.

Möglich macht all dies das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Eingeführt von der damaligen rot-grünen Bundesregierung im Frühjahr 2000, brachte es die Deutschen dazu, schlagartig rentabel gewordene Solaranlagen zu bauen, Biogastanks und vor allem: Windräder. Mehr als 22.000 Stück drehen inzwischen bundesweit ihre Kreise. Wobei die Windkraft die Ökostromquelle mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis ist. Für die Solarenergie zum Beispiel zahlen die Verbraucher dreimal so viel wie für den Wind, bekommen dafür aber viel weniger Strom.

Neun Prozent des deutschen Stroms werden heute aus Wind gemacht. Vor zehn Jahren waren es nur 2,7 Prozent. Dafür ist der Anteil von Kohle- und Atomstrom zurückgegangen. Für die Umwelt ist das EEG ein großer Erfolg. Genauso wie für all jene, bei denen die vielen Milliarden am Ende hängen bleiben. Nur, wer ist das eigentlich?

Als Erstes fallen einem die Hersteller von Windrädern ein. Tatsächlich hat der Windboom einige Pioniere reich gemacht. Der Unternehmer Aloys Wobben zum Beispiel gründete Mitte der achtziger Jahre in der ostfriesischen Stadt Aurich die Firma Enercon und fing an, Windräder zu bauen. Heute hat Enercon 13.000 Mitarbeiter, und Wobben gilt als reichster Niedersachse. Und als Ausnahme.

Denn ein Blick auf die gesamte Branche der Windradhersteller offenbart ein anderes Bild. Die Konkurrenz ist groß, die Firmen verdienen wenig Geld, wenn überhaupt. Wer in letzter Zeit etwa Aktien des dänischen Unternehmens Vestas kaufte, dem weltweit größten Produzenten von Windanlagen, machte ein schlechtes Geschäft, der Kurs sinkt seit Jahren. "Die Industrie leidet unter Überkapazitäten und dem harten Wettbewerb mit den Asiaten", sagt Patrick Hummel, Energieexperte der Schweizer Großbank UBS. "Wenn es für Hersteller gut läuft, schreiben sie eine schwarze Null. Für andere ist es sogar ein Verlustgeschäft."

Die Hersteller der vielen Windräder also sind es nicht, die das Geld der Stromverbraucher kassieren. Dafür aber jene, an die man eher als Letztes denkt: Bauern. Zwar verstehen sie von der Windenergie in der Regel so wenig wie Ingenieure von der Fruchtfolge auf Getreideäckern, aber meist sind sie es, die das besitzen, was jedes Windrad braucht: ein Feld, eine Wiese, ein Stück Wald, auf dem es stehen kann.

Ein Hektar Ackerland bringt normalerweise nicht mehr als ein paar Hundert Euro Pacht pro Jahr. Für ein Stück Land mit einem Windrad darauf dagegen kann der Eigentümer rund 20.000 Euro kassieren, weht der Wind besonders stark, sind bis zu 50.000 Euro möglich. Wer als Landwirt einen ganzen Windpark auf seinem Grundstück stehen hat, ist ein reicher Mann. Kühe hält er dann nur noch zum Spaß.

Auch die Banken, meist Sparkassen oder Volksbanken, verdienen gut am Geschäft mit den Windparks. Die Anlagen sind so teuer, dass sie fast immer über Kredite finanziert werden, die Zinsen gehören zu den größten Kostenblöcken. Dazu kommen Ausgaben für Wartung, Geschäftsführung und Projektmanagement.

EEG ist zu einer großen Geldmaschine für einige wenige geworden

Der größte Teil des Geldes aber landet am Ende bei den Eigentümern der Windparks. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin hat in einer Modellrechnung die Einnahmen eines großen Windrads auf 450.000 Euro pro Jahr beziffert. Die jährlichen Betriebskosten liegen nur bei 340.000 Euro. Der Rest ist Gewinn.

So hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das den Treibhauseffekt mindern, die Luftqualität verbessern soll, quasi nebenbei auch einen wirtschaftlichen Effekt: eine Umverteilung von der Gemeinschaft der Stromverbraucher zu den Besitzern von Grundstücken und Kapital.

Angesichts der hohen Rendite ist es kein Wunder, dass in Deutschland jedes Jahr so viele neue Windparks entstehen. Längst erzeugen sie mehr Energie, als die Stromnetze aufnehmen können. Die Netze wachsen viel zu langsam, was auch daran liegt, dass sich mit dem Netzausbau anders als mit den Windparks kaum Geld verdienen lässt. Die Folge: Nach Auskunft der Bundesnetzagentur ist im vergangenen Jahr knapp ein Prozent des Windstroms schlicht verpufft. Da laut EEG aber auch die ungenutzte Energie bezahlt werden muss, verwandelten sich auf diese Weise staatliche Subventionen in Höhe von rund 30 Millionen Euro in Luft.

Längst sind es nicht mehr nur die Idealisten und Öko-Unternehmer, die die Windbranche bestimmen, sondern Konzerne und Finanzinvestoren. Denen ist es meist egal, wie grün die Energie ist, mit der sie ihr Geld verdienen. Hauptsache, sie werden reich dabei. Johannes Lackmann nennt sie "die Heuschrecken und Drückerkolonnen".

Lackmann war Ende der neunziger Jahre Deutschlands oberster Ökostrom-Lobbyist. Erst hat er mitgeholfen, dass das EEG von einer vagen Idee zur Realität wurde. Als die Windräder dann standen, hat er sie gegen das Argument verteidigt, sie würden die Landschaft verschandeln und die Natur zerstören. Inzwischen sieht er die Windkraft auf andere Weise in Gefahr. Was, wenn sich herumspricht, wer von den Subventionen am Ende am meisten profitiert?

In Vorträgen und Podiumsdiskussionen propagiert Lackmann deshalb das Konzept des "Bürgerwindparks". Nicht mehr irgendwelchen anonymen, womöglich weit entfernten Investoren sollen die so lukrativen Windanlagen gehören, sondern den Leuten nebenan. In Lackmanns Heimat Paderborn ist das Modell schon Wirklichkeit. Ab 500 Euro Mindestkapital kann jeder Bürger zum Miteigentümer des Windparks werden. Auf diese Weise, so das Kalkül, fließt das Geld, das die kleinen Stromverbraucher für die Windenergie bezahlen, wieder zu ihnen zurück.

Wie sehr das EEG zu einer großen Geldmaschine für einige wenige geworden ist, erkennt man schon daran, dass es selbst manchen Profiteuren zu viel wird. Eine laute Minderheit von Windunternehmern ahnt, dass sie den Leuten etwas schuldig sind, die ihnen seit Jahren ihre Einkommen finanzieren. Weshalb sie neuerdings eine Forderung erheben, die man in der Wirtschaft selten hört: Sie wollen die eigenen Subventionen kürzen.

Alle großen Windradhersteller unterstützen den Aufruf und viele Unternehmer aus Süd- und Westdeutschland. In einem internen Papier gibt sich das Bündnis nachdenklich: Eine Rendite von 20 Prozent, wie sie dank der staatlichen Unterstützung heute an windigen Standorten in Norddeutschland möglich ist, sei dann doch nicht notwendig, heißt es. Dort könnten die Subventionen deutlich sinken.

Politiker aus der FDP und dem Wirtschaftsflügel der Union, traditionell eng mit den Betreibern von Kohle- und Atomkraftwerken verbunden, hält dies nicht davon ab, das Ende das EEG zu verlangen. Sie wollen die staatliche Förderung komplett streichen.

Umweltpolitiker von SPD und Grünen, meist mit guten Kontakten in die Windbranche ausgestattet, fürchten wiederum, ohne EEG könnte die Energiewende ins Stocken geraten. Weshalb sie das Gesetz erhalten oder nur leicht reformieren wollen. Etwas weniger Subventionen, etwas bessere Netze, eine gleichmäßigere Verteilung der Windräder. Sonst soll alles bleiben, wie es ist.

Vor der Bundestagswahl aber wird es wohl keine Gesetzesänderung mehr geben. Und dann entscheidet der Wähler. Genauer: der Stromverbraucher.