Das Gebot der Stunde laute Transparenz. Welch tiefe Weisheit. Gelassen, aber bestimmt, teilt der Landeshauptmann von Tirol dem ganzen Land diese vorweihnachtliche Losung mit. Transparenz ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet ursprünglich durchscheinend. Der Begriff kann zugleich auch Durchsichtigkeit meinen. Welche der beiden Bedeutungen der Aussage des alpinen Landesfürsten zugrundelag, ist leider nicht ganz klar. Der Mann hat ja bereits eine vielseitige Karriere in der österreichischen Innenpolitik hinter sich, wo er Großes geleistet haben soll, wie gelegentlich behauptet wird. So war der ehemalige Gendarm in seiner Funktion als Heeresminister verantwortlich für den Ankauf der sagenumwobenen Eurofighter. Kürzlich verlangte er in einem Radiointerview eine lückenlose Aufklärung über das Zustandekommen ebendieses Vertrages, den er einst eigenhändig stolz unterfertigte. Welche Bedeutung von Transparenz wird er wohl bei seiner Forderung im Sinn gehabt haben? Scheint vielleicht die Vermutung durch, der Aufrechte könnte den Inhalt des Kontrakts gar nicht genau gekannt haben, weil der Vertragstext in Englisch abgefasst war? Oder handelt es sich vielmehr um den durchsichtigen Versuch, zur eigenen Vergangenheit auf Distanz zu gehen? War der wackere Mann bei Durchsicht des Schriftstücks möglicherweise gar der Ansicht, man habe ihm einen Bausparvertrag vorgelegt, um eines Tages die Kaserneninfrastruktur der Armee modernisieren zu können? Einerlei. Allzu viel Transparenz scheint ohnehin bei der Beschaffung von Rüstungsgütern gar nicht wünschenswert zu sein. Bei manchen Gestalten der Innenpolitik könnte sich rasch Enttäuschung einstellen, wenn ihre wahren Qualitäten durchscheinen. Anscheinend nehmen wir daher gerne Durchsichtigkeit in Kauf, um diesen Durchblick zu vermeiden. Dadurch kann es passieren, dass Transparenz eine ganz neue Bedeutung gewinnt: Wer den Schein wahrt, der bewahrt die Wahrheit davor, durchzuscheinen.