Selten sind Momente in der Politik, in denen diese Ruhe herrscht. Eine Ruhe, in der ein Politiker in sich gekehrt ist und doch Kraft ausstrahlt. Willy Brandts Kniefall ist nicht nur ein Bekenntnis zur deutschen Schuld – das Bild berührt uns, weil es scheint, als stoße er zu etwas Verborgenem vor.

Politik spielt sich zumeist an der Oberfläche des Plenarsaals, der Talkshow oder des Kabinettstisches ab. Es geht um Konkurrenz, um das Sammeln von Mehrheiten und um Kompromisse. Die Inszenierungen dafür sind Momentaufnahmen des Alltäglichen, wiederholt bis zur Langeweile. Ganz selten dringt etwas aus der Politik hervor, der uns auf einmal berührt. Dann kommt zum Vorschein, dass politische Entscheidungen eben nicht immer auf Rationalität beruhen, sondern auch eine verborgene Quelle haben, einen Ursprung.

Bei bedeutenden politischen Ereignissen spüren wir, dass Politik die Möglichkeit hat, einen Anfang zu etwas Neuem zu finden, ohne zu wissen, was daraus wird. Die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen wussten, dass sie etwas richtig machen. Ihre Unbeirrbarkeit, etwas Neues zu wagen, hätten sie nicht erklären können. Aber sie stellten Kerzen hin, und wir verstehen es.

In der Fähigkeit zum Anfang offenbart sich ein verborgener Moment der Religion, ihr weihnachtlicher Augenblick. Wenn er sichtbar wird, erfasst er die Gemeinschaft und verbindet sie zu einem Ganzen. Die Studenten, die sich 1968 in Paris Pflastersteine reichen, wissen noch nicht, wohin ihr Protest führen wird. Ihr Anblick hat etwas Andächtiges, denn dieser politische Ursprungsmoment wird eine ganze Gesellschaft verändern.

Ein Neubeginn – bei Barack Obama war er sogar politisches Programm. Glaubhaft wird es, wenn wir ihn im Moment vor seiner Amtseinführung sehen. Er sammelt seine Kräfte, als hole er seine gesamte politische Energie aus seinem tiefsten Inneren hervor. Und die Menschen glauben an seine Fähigkeit, ein ganzes Land bewegen zu können. Politik ist manchmal wie Religion.