DIE ZEIT: Herr Loprieno, ärgern Sie sich, schon wieder ein Interview zu Bologna geben zu müssen?

Antonio Loprieno: (lacht) Ich bin nicht verärgert, ich bin kulturwissenschaftlich erstaunt.

ZEIT: Sie bezeichneten die Diskussion über Bologna schon als "Drehen tibetischer Gebetsmühlen" und die Reform selbst als "Religion, zu der man sich bekennt oder nicht".

Loprieno: Wie bei religiösen Vorstellungen verstehen unter Bologna verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Dinge, die nicht immer etwas mit der universitären Realität zu tun haben. Die Bologna-Reform hat zwei Seiten: eine technische – und da haben wir eigentlich keine Probleme mehr – und eine symbolische Seite.

ZEIT: Diese symbolische Seite provoziert Sie persönlich, Sie stellen Bologna-Kritiker immer wieder in die Ecke der Ewiggestrigen.

Loprieno: Aber nicht, weil ich glaube, dass dahinter kein interessanter Gedanke steckt, sondern weil man sich eines bewusst sein muss: Heute ist die Debatte über Bologna eine kulturwissenschaftliche und keine politische. Politisch ist der Zug abgefahren. Eine zu große Aufmerksamkeit für die Bologna-Reform hindert uns daran, konkret das Richtige zu machen, das heißt die universitäre Lehre zu verbessern.

ZEIT: Aber die politische Debatte über Bologna wurde ja gar nie geführt.

Loprieno: Lorpieno: Das hat damit zu tun, dass die Entscheidung über Bologna eine grundsätzliche war. Sie konnte nur auf höchster Ebene getroffen werden, weil sie die Einbindung der Schweiz in eine kontinentale Bewegung betraf. Eine breite Debatte hätte zu einer politischen Haltung gegenüber Bologna geführt, wie wir sie etwa gegenüber der EU pflegen. Aber diese Position wäre katastrophal im Bereich Bildung und Forschung.

ZEIT: Eine Volksabstimmung hätte die Reform also nicht überlebt?

Loprieno: Ganz genau. Meines Erachtens wäre sie abgelehnt worden, weil zu diesem Zeitpunkt auch an den Universitäten alle sehr skeptisch waren.

ZEIT: Nun sagen aber viele Professoren: Eine Ablehnung hätte uns viel Ärger erspart.

Loprieno: Eine Debatte über Studienmodelle ist zwar interessant, aber sie hat in der Regel wenig Bezug zur Praxis. Wir könnten genauso gut darüber diskutieren, ob wir in der Schweiz eine Monarchie einführen wollen. Das wäre spannend, aber sinnlos.

ZEIT: Ist das nicht eine zutiefst unschweizerische Haltung, sich vor einer Diskussion mit dem Volk zu scheuen, weil man Angst hat, man könnte verlieren?

Loprieno: Nein, ich glaube nicht. Denn Pragmatismus ist ebenso eine schweizerische Haltung, und Bologna war eine pragmatische Entscheidung.

ZEIT: Was hat sich denn mit dem Bologna-System an den Schweizer Unis verbessert?

Loprieno: Es gibt nichts, worin Bologna an sich besser ist. Aber Gesellschaften entwickeln sich, und das Bologna-Modell ist das Resultat einer solchen Entwicklung, nämlich des historischen Sieges des angloamerikanischen Studienmodells über das europäische.

ZEIT: Als die Bologna-Deklaration unterschrieben wurde, wurden große Versprechen gemacht: vergleichbare Abschlüsse, kürzere Studienzeiten, mehr Mobilität. Was hat sich da tatsächlich verbessert?

Loprieno: Ich frage Sie zurück: Was hat sich in der Schweiz 1849 gegenüber 1847 im Leben der Eidgenossen tatsächlich verbessert? Wahrscheinlich nicht viel. Die Entscheidung der europäischen Minister in Bologna war das Bekenntnis zu einem europäischen Hochschulraum, nicht die Herbeiführung klarer Verbesserungen.

ZEIT: Bologna hatte das erklärte Ziel, das Studium berechenbarer und effizienter zu machen.

Loprieno: Höhere Mobilität der Studierenden, kürzere Studiendauer, klarere Strukturen: Das waren Erwartungen, die von gesellschaftlicher Seite an die Reform gestellt wurden.

ZEIT: Das stimmt so nicht. Es waren Leute wie Staatssekretär Charles Kleiber, der die Deklaration unterschrieb und in Interviews versprach: Bologna macht die Universitäten besser.

Loprieno: Das Problem ist, dass wir ein neues System unter Aufrechterhaltung der alten Inhalte einführten. Wir sagten: Das Lizentiat entspricht dem Master, der Bachelor ist nur ein Zwischenschritt – oder ein Abschluss für jene, die sonst ihr Studium abbrechen würden. Das ist aber gegen die Essenz des Bologna-Systems.