Wer das Gefühl für die Schönheit des Kochens verloren hat, kann es bei Susanne Seethaler wiederfinden. Sie gibt Kurse im "achtsamen Kochen", in ihrer wild dekorierten Küche wird der Akt der Nahrungszubereitung regelrecht zur Meditation.

Auf dem urigen Küchentisch verteilt sie wuchtige Holzbretter und Messer und bringt den Teilnehmern als Erstes bei, richtig zu schneiden (die Messerspitze bleibt auf dem Brett, die Bewegung kommt aus der Schulter). Nach kurzer Zeit sind alle versunken ins Gemüseschnippeln. Später rollen die Teilnehmer den Teig für die Chapati (indische Fladen), als ob sie Knetmasse wälzten. Sie fetten die Förmchen für die Ziegenkäse-Tartelettes mit Butter ein, die langsam zwischen ihren Fingern schmilzt.

Susanne Seethaler will einen Bezug zum Essen herstellen. Dafür muss man bei der Sache sein. Zum Beispiel gehört dazu, am Anfang jedes Gangs minutenlang schweigend zu essen; das schult die Achtsamkeit. Der Blick in die Gesichter der Teilnehmer zeigt, wie intensiv diese Erfahrung ist. Denn beim aufmerksamen Essen gibt es viel zu entdecken – die Hitze der knusprigen Tartelettes, die frisch aus dem Ofen kommen, die Kälte des Gurkensalats, den frischen Dill neben dem herzhaft-cremigen Ziegenkäse.

Seit einigen Jahren wird das Konzept der Achtsamkeit von Wissenschaftlern erforscht und in Therapien eingesetzt. Kurse in achtsamem Essen haben in ersten Studien bei Patienten mit Essstörungen eine positive Wirkung gezeigt, aber auch bei gesunden Probanden, die unter Stress viel essen. Ein solches Training schult die Selbstbeobachtung, es lehrt, in sich hineinzuhorchen, um Hunger- und Sättigungssignale besser wahrzunehmen, aber auch um Mahlzeiten mehr zu genießen.

Manche Wissenschaftler empfehlen Kochkurse sogar als ergänzende Therapie für bestimmte Patienten. Bei Essstörungen sind sie schon länger Teil der Behandlung. Aber auch andere Patienten scheinen von der eigenen Zubereitung ihrer Mahlzeiten zu profitieren. In einer kleinen Studie in einem Altenheim in den USA hatte ein therapeutischer Kochkurs positive Effekte auf Demenzkranke: Die Teilnehmer waren schon nach wenigen Wochen weniger passiv und neigten seltener zur Unruhe. Auch in einigen deutschen Demenzstationen sind Kochgruppen wichtiger Bestandteil des Therapiekonzepts, beispielsweise in der Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln.

"Miteinander zu kochen trainiert nicht nur die Alltagskompetenz unserer Patienten, sondern hebt auch ihre Stimmung und fördert das soziale Miteinander", sagt Ralf-Joachim Schulz, Klinikleiter und Professor für Geriatrie an der Universität zu Köln. Die Erfahrung, als Gruppe etwas zu schaffen, eine Mahlzeit selbst zuzubereiten, sei für die Teilnehmer stimulierend und so motivierend, dass sich das auch positiv auf andere Therapiebereiche auswirke.

Diesen Effekt machen sich psychiatrische Einrichtungen zunutze. Im Universitätsklinikum Heidelberg etwa kochen neben Patienten mit beginnender Demenz auch Depressive in kleinen Gruppen Speisen für die Patientengruppe. Ziel ist es, durch das Erfolgserlebnis und die Wertschätzung durch die Bekochten das Selbstwertgefühl der Patienten zu verbessern. "Gemeinsames Kochen erlaubt ihnen, aus der grüblerischen Innenorientierung herauszutreten", sagt Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie. Es lenke die Aufmerksamkeit der Patienten auf die schönen Gerüche, den Geschmack und die Ästhetik der Komposition.