Zu der, jedenfalls dem ersten Anschein nach, besonders unangenehmen Eigenart der Menschen gehört ihre Unklarheit. Nicht einmal in Gut und Böse lassen sie sich zuverlässig einordnen. Noch die gemeinsten Charaktere haben manchmal ihre rührseligen Momente und weinen, weil Mr. Bojangles, gesungen von Nina Simone, Erinnerungen an das erste, noch flaumbärtige Begehren wecken, oder sie stecken in einem unbeobachteten, wunderbar zweckfreien Moment der albanischen Bettlerin in der Fußgängerzone einen Euro in die notdürftig aus Zeitungspapier gefaltete Spendenurne (wobei die Bettlerin viel zu erfahrungssatt und heillos verwirrt ist, um die Gabe durch ein Lächeln zu quittieren. Sie friert und weiß nicht mehr, dass sie es tut. Sie weiß auch nicht mehr, dass sie in Vlorë – wo sie kurz darauf ein Schlepper über die ruhige Adria nach Italien brachte und dann ein Laster nach Hamburg – ihre Kinder, zwei kleine, hübsche Jungen mit braun glänzenden Augen, erstickte aus alleräußerstem Lebensüberdruss.)

War es Gottfried Benn? Vermutlich. Der schrieb sinngemäß einmal, er habe gar keine Worte für den Ekel, den der Mensch, diese gespaltene Kreatur, bei ihm auslöse. Der Mensch nenne sich Mensch und sei doch halb ein rohes Tier, das schwitze, ejakuliere, menstruiere, das jederzeit giere nach hässlicher, hechelnder Vereinigung. Im nächsten, verlogenen Moment schwenke es dann das Champagnerglas mit spitzen Fingern und halte große Reden. Insgeheim aber habe es natürlich nur Unzucht im Kopf. Nicht auszuhalten.

Es muss, gerade zur Weihnachtszeit, einmal ganz deutlich, ja überdeutlich gesagt werden: Der Mensch ist nicht immer gut. Er ist ein Biest, ein schlimmes Ferkel, und im Zweifel rückgratlos: »Nobody knows you, when you’re down and out«, auch diesen alten Song sang einmal Nina Simone: Wer nichts mehr zu geben hat, dem wird auch nichts mehr gegeben, und wenn doch, dann zumeist aus einem Grund, der den Gipfel der Hässlichkeit markiert: zum Zwecke der unbedingten Gefolgschaft des am Boden Liegenden. Wie oft ist Versklavung die unmittelbare Folge der sogenannten guten Tat!

Sind denn alle böse? Nein. Nur fast alle. Die, die es nicht sind, sind so selten, dass wir sie Engel nennen müssen. Nur die Engel vermögen zu geben, ohne zu nehmen. Die Engel, die so seltenen Engel, bringen die größte Unklarheit in die Welt. Zu den Engeln zählen manchmal, ohne dass wir es auch nur ahnten, die gemeinsten Charaktere.

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