Geht einfach los

Da draußen auf dem Feld, bei Nacht und Nebel, spielt diese irre Szene. Der Engel, der weihnachtliche, hält seine Rede an die Hirten, die frechen, in ihren zotteligen Krippenspielgewändern: Fürchtet euch nicht!

Und tatsächlich: Die gehen los. Prompt. Warum? War die Angst weg? Etwas hat sie losgehen lassen, risikofreudig losgelassen nach Bethlehem. Aber Bethlehem war nur Durchgangsstation. Am Ende, so wird erzählt, auf dem Rückweg, seien sie ziemlich fröhlich gewesen. Sie müssen etwas gesehen haben.

Ach, Verkündigungsengel, wie gern würde auch ich dir glauben, wie groß ist mein Wunsch, diesen Satz gesagt zu bekommen: Fürchte dich nicht! Aber ist er für mich bestimmt?

Es ist unzweifelhaft der schönste Satz der Bibel. Die Worte kommen wirklich von ganz weit her, vom Himmel zur Erde. Extra losgeschickt werden sie für uns Angsthasen, die gar nicht anders können, als sich zu fürchten. Aber wie soll ich es glauben? Einfach losgehen, wie die Hirten, noch nicht wissend, wo der Weg hinführt, der heilsame? Bethlehem suchen? Die nächste dunkle Biegung meines Lebens tapfer angehen? Wie kann ich Gott sehen? Höchstens in den leuchtenden Augen der Hirten, wenn ich sie frage: Wo wart ihr?

Es ist das Schönste, was ein Mensch einem anderen sagen kann: Hab keine Angst! Geh weiter! Du wirst nach Bethlehem kommen. Irgendwann. Den Menschen-Gott sehen. Vielleicht wirst du niederknien. Vielleicht aber auch erst viel später erkennen, dass du dem Ewigen begegnet bist. Auf dem Rückweg in deine Welt.

Die Angst wird nicht verschwinden, bei den Frommen ebenso wenig wie bei den Heiden. Sie wird eher größer, je älter wir werden. Viel schleppen wir mit uns herum. Aber das war bei den Hirten ja auch so. Weitergehen, einfach weitergehen! Ausschau halten nach leuchtenden Gesichtern! Den Widerschein auf meinem Gesicht kann ich nicht sehen, aber er ist da, bestimmt, er ist da!