"Fürchtet euch nicht!" – Seite 1

Geht einfach los

Da draußen auf dem Feld, bei Nacht und Nebel, spielt diese irre Szene. Der Engel, der weihnachtliche, hält seine Rede an die Hirten, die frechen, in ihren zotteligen Krippenspielgewändern: Fürchtet euch nicht!

Und tatsächlich: Die gehen los. Prompt. Warum? War die Angst weg? Etwas hat sie losgehen lassen, risikofreudig losgelassen nach Bethlehem. Aber Bethlehem war nur Durchgangsstation. Am Ende, so wird erzählt, auf dem Rückweg, seien sie ziemlich fröhlich gewesen. Sie müssen etwas gesehen haben.

Ach, Verkündigungsengel, wie gern würde auch ich dir glauben, wie groß ist mein Wunsch, diesen Satz gesagt zu bekommen: Fürchte dich nicht! Aber ist er für mich bestimmt?

Es ist unzweifelhaft der schönste Satz der Bibel. Die Worte kommen wirklich von ganz weit her, vom Himmel zur Erde. Extra losgeschickt werden sie für uns Angsthasen, die gar nicht anders können, als sich zu fürchten. Aber wie soll ich es glauben? Einfach losgehen, wie die Hirten, noch nicht wissend, wo der Weg hinführt, der heilsame? Bethlehem suchen? Die nächste dunkle Biegung meines Lebens tapfer angehen? Wie kann ich Gott sehen? Höchstens in den leuchtenden Augen der Hirten, wenn ich sie frage: Wo wart ihr?

Es ist das Schönste, was ein Mensch einem anderen sagen kann: Hab keine Angst! Geh weiter! Du wirst nach Bethlehem kommen. Irgendwann. Den Menschen-Gott sehen. Vielleicht wirst du niederknien. Vielleicht aber auch erst viel später erkennen, dass du dem Ewigen begegnet bist. Auf dem Rückweg in deine Welt.

Die Angst wird nicht verschwinden, bei den Frommen ebenso wenig wie bei den Heiden. Sie wird eher größer, je älter wir werden. Viel schleppen wir mit uns herum. Aber das war bei den Hirten ja auch so. Weitergehen, einfach weitergehen! Ausschau halten nach leuchtenden Gesichtern! Den Widerschein auf meinem Gesicht kann ich nicht sehen, aber er ist da, bestimmt, er ist da!

"Fürchtet euch nicht!" – Seite 2

ANDREAS HORN

Rechnet mit der Liebe

Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor den Weltuntergangspropheten, auch nicht vor denen, die in Pressekonferenzen und Talkshows sitzen oder auf Kanzeln stehen. Glaubt nicht denen, die aus jeder Krise den Super-GAU machen. Wer die Katastrophe ins Unermessliche steigert, kann gewiss sein, dass niemand mehr etwas dagegen unternimmt. Fürchtet euch nicht vor denen, die ihre Entscheidungen als alternativlos verkaufen. Setzt auf Urteile statt auf Meinungen, auch wenn man euch mit schicken Inszenierungen überwältigen will. Lasst euch die Fantasie nicht ausreden, in deren Licht vieles auch ganz anders sein könnte.

Fürchtet euch nicht vor den Berufsapokalyptikern. Glaubt denen nicht, die sich eurer Ängste bedienen, um euch klein zu machen. Lasst euch nicht von Leuten nicht ins Bockshorn jagen, die mit den Achseln zucken und sagen: "Da kann man sowieso nichts machen!" Der Zustand der Welt mag beklagenswert sein. Wir Deutschen sind ja wahre Meister in prophylaktischer Melancholie. Drohendes Unglück lauert hinter jeder Ecke, deshalb sind wir vorsorglich düsterer Stimmung, sogar dann, wenn es jede Menge Gründe für Dankbarkeit und Freude gäbe.

Nein, sagt der Engel. Das Verliebtsein in die Angst lähmt euch. Es macht euch nicht tiefsinnig, sondern tatenlos. Der Weihnachtsengel wäre falsch verstanden, wenn er beklemmende Verhältnisse mit einer lässigen Flügelbewegung wegwischen würde. Fürchtet euch nicht, diese Botschaft ist weder zynisch noch naiv. Sie macht Mut. Fürchtet euch nicht, das heißt: Schärft euren Möglichkeitssinn. Die Botschaft des Engels ist nicht kitschig, sondern von geradezu tollkühnem Trotz. Denn der Engel Gottes dementiert den Fatalismus. Ihr sollt nicht blind vor Sorge werden oder den Kopf in den Sand stecken. Schaut euch nach Hoffnungszeichen um, selbst da, wo ihr keine erwartet. Rechnet mit dem Unmöglichen: Die Liebe setzt sich durch.

PETRA BAHR

Bleibt kirchenkritisch

"Fürchtet euch nicht!" – Seite 3

Zu Weihnachten 1944 schrieb ich als Vierzehnjähriger in mein Tagebuch: "Das erste Mal in der heiligen Christmette. Es war wunderschön! All das äußere Erleben hat mitgewirkt, dass ich wirklich andächtig war und dass das Christkind zu mir gekommen ist."

Später, im Juli 1976, überraschte mich eine deutsche Fernsehjournalistin mit der Frage: "Fühlen Sie sich von Gott geliebt?" – "Nein." Das passierte nach meiner Suspendierung von den Vollmachten als katholischer Priester. Mein damaliger Erzbischof warf mir vor, von der kirchlichen Lehre abgewichen zu sein mit meinem Buch Jesus in schlechter Gesellschaft.

In beiden Fällen, so sehe ich es heute, ging es um eine Verbindung, die für mich noch immer lebensnotwendig bleibt. Jeder Tag, an dem ich nicht an Gott denke, ist ein verlorener Tag – vielleicht auch für Gott. Es könnte ja sein, dass Gott das Universum in Betrieb hält, um von mir geliebt zu werden. Seit einer Million von Jahren, so wurde ich von Neurologen belehrt, benötigt der Homo sapiens Ausflüchte in Gegenwelten, um nicht verrückt zu werden. Keine bislang bekannt gewordene Zivilisation überlebte ohne gelegentliche Zufuhr von bewusstseinsverändernden Substanzen – als Alternative zum eintönigen Alltag. Nicht nur in der Religion werden Gegenwelten aufgebaut, auch im Theater, in der Musik, in der Kunst. Wir Menschen sind illusionär verkabelt.

Engel ist mir bislang keiner erschienen. Ich bleibe auf meine prekäre Gottverbundenheit angewiesen. Sie hat diverse Glaubenskrisen überdauert. Ich hoffe, dass sie bis zu meinem letzten Seufzer halten wird. Die Aufforderung zur Furchtlosigkeit im Weihnachtsevangelium lese ich politisch, in meinem Fall religionspolitisch. Fürchte dich nicht, deine Zweifel zu bekennen! Fürchte dich nicht, deine Kirche zu kritisieren! Deshalb will ich mir meine kirchenkritische Haltung weiterhin leisten, in aller Ruhe. Erstaunlicherweise scheint das mein Kardinal in Wien zu verstehen. Jedenfalls überweist er mir bis dato eine kleine Pension.

ADOLF HOLL

Habt Vertrauen

"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden", sagt Søren Kierkegaard. Manchen Menschen macht das Angst. Sie wollen lieber erst verstehen und dann leben. Doch der Ruf des Engels "Fürchtet euch nicht!" dreht die Logik der Angst um. Die Hirten sollen sich auf den Weg machen, ohne zu verstehen. Das geht nicht ohne Vertrauen. Mutig ist, wer vertraut.

"Fürchtet euch nicht!" – Seite 4

Natürlich ist es in bestimmten Lebenssituationen sinnvoll, die Zukunft planend in den Blick zu nehmen. Nicht jede Planung ist angstgesteuert. Haushaltsplan, Ferienplan, Schulplan – diese Dinge gehören zum Alltag dazu. Aber das Leben selbst kann man nicht planen.

Die wichtigsten Ereignisse in meinem Leben haben sich jedenfalls nicht aufgrund von Planung ergeben. Die großen Freundschaften sind ungeplant entstanden. Plötzliche Krankheit und Tod haben Planungen durchkreuzt. Geschenke kann man nicht planen, jedenfalls nicht diejenigen Geschenke, die man bekommt. Krisen kommen ungeplant, sosehr man gerade auch deswegen plant, um Krisen zu vermeiden. Auf dieser entscheidenden Ebene der Wirklichkeit versagt das Planungsdenken. Aus Planungsdenken wird Angstdenken, wenn es sich anmaßt, das Leben in den Griff bekommen zu können. Gott vertrauend hingegen gehen wir nicht durch das Leben wie Spaziergänger, die die Vergangenheit hinter sich und die Zukunft vor sich haben. Vielmehr rudern wir, die Zukunft im Rücken, die Vergangenheit vor unseren Augen. Je länger wir rudern, umso mehr Landschaft breitet sich vor unseren Augen aus. Erst im Zurückschauen erkennen wir, wie einzelne Puzzleteile unseres Lebens zusammenhängen und einen Sinn ergeben.

Ich verstehe Weihnachten so, dass Vertrauen die Quelle des Lebens ist: Das Kind legt sich in die Arme der Menschheit. Damit fängt alles an. Das ermutigt dazu, auch selbst alles Bescheidwissen über Gott beiseite zu legen und rückblickend die Geschenke in den Blick zu nehmen, die unseren Lebensweg säumen.

KLAUS MERTES

Hofft das Richtige

Fürchtet euch nicht? Doch! Fürchtet euch! Das ist die Botschaft: Geht gegen alles an, was Furcht macht, was Düsternis verbreitet, was Natur zerstört, was gnadenlos ausbeutet, was Brot vorenthält und Freiheit beschränkt, Denken verengt, destruktive Gefühle anheizt, was Geld herrschen und Macht entgleiten lässt! Mag sein, dass die Welt morgen untergeht, schrieb Dietrich Bonhoeffer 1942, doch erst dann wollen wir die Arbeit für eine bessere Welt niederlegen, vorher nicht.

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, sagt Jesus: Ich habe die Welt überwunden. Eure Furcht hat Gründe. Doch lasst das Zagen, verwandelt es in Klagen. Mit Mut und Demut. Angst lähmt. Mut macht Mut. Hoffnung lässt uns nicht zuschanden werden. Wer wollte leben ohne die Hoffnung, dass ein Liebeswort die Angst überlebt? So hat die Dichterin Rose Ausländer es formuliert. In der Liebe ist keine Furcht. Durch Liebe revolutioniert das Christentum die alte Gottesvorstellung. Nicht länger dienen Opfer zur Besänftigung der Götter. Gott wird zum Synonym für Liebe, für das Grundvertrauen, das sich der Angst entgegenstellt.

"Fürchtet euch nicht!" – Seite 5

Gott hat Gutes mit euch im Sinn. Vor den hohen Herren fallt nicht auf die Knie. Ihre Macht ist vorübergehend. Ehrfurcht nur vor dem ganz oben, Friede für die ganz unten! Fürchtet euch nicht. Die Weihnachtsgeschichte mit Engelsgesang unterm erhellten Himmel enthält jenen beständigen Zuspruch, dass Friede auf Erden und Brot in jedem Hause sei, dass also Beth-lächem (Hebräisch), das "Haus des Brotes", in aller Welt zum Symbol wird. Das soll man feiern, weil Selbstvertrauen den Schwachen Kraft gibt, zerstörerischen Kräften zu trotzen. Dann ist Weihnachten mehr als Idylle für einen Abend, der uns guttut – nämlich "alle Jahre wieder" der Auftakt für eine Welt ohne Angst, Not und Krieg. Gegen die Realität des Grauens setzt das Fest die Naivität des Traumes. Das Fest für die Kinder weckt in uns allen das Kind: furchtlos zu spielen, voll Glück des Gelingens, im Mut zum Dafür.

FRIEDRICH SCHORLEMMER