ANDREAS HORN

Rechnet mit der Liebe

Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor den Weltuntergangspropheten, auch nicht vor denen, die in Pressekonferenzen und Talkshows sitzen oder auf Kanzeln stehen. Glaubt nicht denen, die aus jeder Krise den Super-GAU machen. Wer die Katastrophe ins Unermessliche steigert, kann gewiss sein, dass niemand mehr etwas dagegen unternimmt. Fürchtet euch nicht vor denen, die ihre Entscheidungen als alternativlos verkaufen. Setzt auf Urteile statt auf Meinungen, auch wenn man euch mit schicken Inszenierungen überwältigen will. Lasst euch die Fantasie nicht ausreden, in deren Licht vieles auch ganz anders sein könnte.

Fürchtet euch nicht vor den Berufsapokalyptikern. Glaubt denen nicht, die sich eurer Ängste bedienen, um euch klein zu machen. Lasst euch nicht von Leuten nicht ins Bockshorn jagen, die mit den Achseln zucken und sagen: "Da kann man sowieso nichts machen!" Der Zustand der Welt mag beklagenswert sein. Wir Deutschen sind ja wahre Meister in prophylaktischer Melancholie. Drohendes Unglück lauert hinter jeder Ecke, deshalb sind wir vorsorglich düsterer Stimmung, sogar dann, wenn es jede Menge Gründe für Dankbarkeit und Freude gäbe.

Nein, sagt der Engel. Das Verliebtsein in die Angst lähmt euch. Es macht euch nicht tiefsinnig, sondern tatenlos. Der Weihnachtsengel wäre falsch verstanden, wenn er beklemmende Verhältnisse mit einer lässigen Flügelbewegung wegwischen würde. Fürchtet euch nicht, diese Botschaft ist weder zynisch noch naiv. Sie macht Mut. Fürchtet euch nicht, das heißt: Schärft euren Möglichkeitssinn. Die Botschaft des Engels ist nicht kitschig, sondern von geradezu tollkühnem Trotz. Denn der Engel Gottes dementiert den Fatalismus. Ihr sollt nicht blind vor Sorge werden oder den Kopf in den Sand stecken. Schaut euch nach Hoffnungszeichen um, selbst da, wo ihr keine erwartet. Rechnet mit dem Unmöglichen: Die Liebe setzt sich durch.

PETRA BAHR

Bleibt kirchenkritisch