Zu Weihnachten 1944 schrieb ich als Vierzehnjähriger in mein Tagebuch: "Das erste Mal in der heiligen Christmette. Es war wunderschön! All das äußere Erleben hat mitgewirkt, dass ich wirklich andächtig war und dass das Christkind zu mir gekommen ist."

Später, im Juli 1976, überraschte mich eine deutsche Fernsehjournalistin mit der Frage: "Fühlen Sie sich von Gott geliebt?" – "Nein." Das passierte nach meiner Suspendierung von den Vollmachten als katholischer Priester. Mein damaliger Erzbischof warf mir vor, von der kirchlichen Lehre abgewichen zu sein mit meinem Buch Jesus in schlechter Gesellschaft.

In beiden Fällen, so sehe ich es heute, ging es um eine Verbindung, die für mich noch immer lebensnotwendig bleibt. Jeder Tag, an dem ich nicht an Gott denke, ist ein verlorener Tag – vielleicht auch für Gott. Es könnte ja sein, dass Gott das Universum in Betrieb hält, um von mir geliebt zu werden. Seit einer Million von Jahren, so wurde ich von Neurologen belehrt, benötigt der Homo sapiens Ausflüchte in Gegenwelten, um nicht verrückt zu werden. Keine bislang bekannt gewordene Zivilisation überlebte ohne gelegentliche Zufuhr von bewusstseinsverändernden Substanzen – als Alternative zum eintönigen Alltag. Nicht nur in der Religion werden Gegenwelten aufgebaut, auch im Theater, in der Musik, in der Kunst. Wir Menschen sind illusionär verkabelt.

Engel ist mir bislang keiner erschienen. Ich bleibe auf meine prekäre Gottverbundenheit angewiesen. Sie hat diverse Glaubenskrisen überdauert. Ich hoffe, dass sie bis zu meinem letzten Seufzer halten wird. Die Aufforderung zur Furchtlosigkeit im Weihnachtsevangelium lese ich politisch, in meinem Fall religionspolitisch. Fürchte dich nicht, deine Zweifel zu bekennen! Fürchte dich nicht, deine Kirche zu kritisieren! Deshalb will ich mir meine kirchenkritische Haltung weiterhin leisten, in aller Ruhe. Erstaunlicherweise scheint das mein Kardinal in Wien zu verstehen. Jedenfalls überweist er mir bis dato eine kleine Pension.

ADOLF HOLL

Habt Vertrauen

"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden", sagt Søren Kierkegaard. Manchen Menschen macht das Angst. Sie wollen lieber erst verstehen und dann leben. Doch der Ruf des Engels "Fürchtet euch nicht!" dreht die Logik der Angst um. Die Hirten sollen sich auf den Weg machen, ohne zu verstehen. Das geht nicht ohne Vertrauen. Mutig ist, wer vertraut.