Gewohnheiten sind gut. Sie haben Macht, heißt es gemeinhin. Da ist was dran. Wie sollten wir uns in der Welt zurechtfinden, wenn sich alles jeden Tag änderte? Oder noch schlimmer: wenn wir uns ständig änderten oder die Art, wie wir Dinge tun. Gewohnheiten sorgen für Platz in unseren Köpfen und Herzen, für die wirklich wichtigen Ereignisse oder Krisen.

Auch in der Politik gibt es Gewohnheiten, die mächtig sind. Gleich zwei davon stellten sich reflexhaft dieser Tage ein. Zum einen die Forderung nach mehr Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen nach dem gescheiterten Attentatsversuch von mutmaßlichen Islamisten auf dem Bonner Hauptbahnhof. Zum anderen die Forderung, dass nun endlich wirklich etwas gegen den Waffenfetischismus der Amerikaner unternommen werden muss, nachdem ein junger Mann in einer Schule in Connecticut 20 Grundschüler erschoss.

Dies soll nicht der Versuch sein, die beiden Ereignisse auf eine Stufe zu stellen. Und doch verbindet sie etwas – die Reaktionen zeigen, was passiert, wenn das Ungewohnte mit dem Gewohnten, nämlich dem Reflex, zusammentrifft: Man stumpft ab, obwohl man es nicht will. Der Reflex hat etwas Hilfloses und Holzschnittartiges. Die Trauer des amerikanischen Präsidenten, so ehrlich sie sicher war, trägt diesen Déjà-vu-Moment (er sprach ihn selbst an: »Wir haben das zu oft durchgemacht«) ebenso in sich wie der Satz des Bundesinnenministers, mehr Videoüberwachung müsse her. Das letzte Mal fiel dieser Satz in ähnlicher Form Mitte Oktober, nachdem auf dem Alexanderplatz in Berlin ein Schüler zu Tode geprügelt worden war.

Für politisch Handelnde sind Gewohnheiten noch viel gefährlicher als für normale Menschen. Sie sind schnell da, wenn der Druck der Erwartungen zu hoch wird. Das macht ihren Reiz aus. Doch Gewohnheiten verstellen den Blick auf neue Lösungen, wenn die bisherigen gebetsmühlenartig geforderten nicht funktioniert haben. Sie verstellen den Blick auf das Wesentliche. Etwas Wesentliches ist, dass bestimmte Dinge einfach nicht zur Gewohnheit werden dürfen. Bomben auf Bahnhöfen beispielsweise oder Jugendliche, die von anderen Jugendlichen auf öffentlichen Plätzen totgeschlagen werden. Die Ereignisse sind nicht gewöhnlich, die Reaktionen darauf dürfen es auch nicht sein.

So erklärt sich das etwas schale Gefühl gegenüber den Reaktionen auf diese Ereignisse. Aber Gewohnheiten sind zum Glück nur mächtig – kein Schicksal. Man kann sie ändern, auch die schlechten.