In Ein Sachse rettet Israel(ZEIT Nr. 51/12) berichtet der New Yorker Tuvia Tenenbom unter anderem über sein Treffen mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich. Aber eigentlich geht es ihm nicht oder nicht nur um Tillich, sondern eher um einen satirischen Bericht – über seine Begegnungen mit den Sachsen und einem Sorben. Dabei wird nicht ganz klar, ob sich der Autor wirklich über die Sorben informieren wollte, denn das hätte er auch tun können, ohne sich mit einem Ministerpräsidenten treffen zu müssen. Nein, es geht darum, nur einige Eindrücke oder Gefühle loszuwerden, leider eben sehr nachlässig. Beispielsweise hat es schon dieser Satz in sich: »Ich bin glücklich darüber, dass mir ein deutscher Ministerpräsident erzählt, dass er nicht anders kann, als mich, den Juden, zu lieben, weil seine Familie meine Familie getötet hat.« Tenenbom suggeriert damit: Deutscher gleich Sorbe gleich Holocaust gleich Antisemit.

Satire sollte Anspruch haben auf wahren Witz, Zweifel und vor allem eins: qualitativ auf der Höhe der Zeit zu sein! Nur Gefühle auszudrücken kann peinlich werden. Denn Gefühle haben zwei Eigentümlichkeiten: Sie sind sehr einfach und oft sehr überschwänglich, besonders dann, wenn sie von Klischees beeinflusst sind. Die Eigentümlichkeit des Klischees ist es, dass es verhindert, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Und dass es alle vernünftigen Urteile lähmt.

Die Frage bleibt, ist der Sorbe nun Sorbe? Oder ist er Deutscher? Nach all dem, was in Deutschland, was in der Lausitz geschah – zum Beispiel die rigorose Germanisierung, der Ausschluss der Sorben aus der Gesellschaft, der Rassismus in der Nazizeit – nach all dem ist es erstaunlich, wie manifest sich das Unwissen und die Vorurteile über Sorben erweisen. Sorben haben den Holocaust nicht erfunden, sie haben auch keine Kriege angezettelt. Aber das kann man ja nachlesen, anstatt solche diffusen Unterstellungen zu fabrizieren. Müsste hier die Redaktion nicht achtsamer sein, damit sie solche Klischees nicht auch noch bedient? Wir erleben eine Marginalisierung der Sorben in der Gegenwart. Und generell lässt das Image des Sorbischen auf dem deutschen Medienmarkt zu wünschen übrig. Als ZEIT- Leser fällt mir schon seit Langem auf, wie diese im Grunde vortreffliche Wochenzeitung das Sorbische entweder folklorisiert und damit marginalisiert – oder als Gegenwelt zur deutschen darstellt. Bei den Reportagen über »die« Sorben bleiben die Kontexte und bleibt schließlich die Realität zumeist ausgeblendet. Obwohl man unterscheiden muss zwischen evangelisch und katholisch, zwischen Gläubigen und Atheisten, zwischen Ober- und Niederlausitz, zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern, zwischen städtischer und ländlicher Lebensweise, zwischen den Berufsgruppen, solchen und solchen Politikern, Müttern und Vätern, Kinobesuchern und Fernsehguckern; trotz alledem werden Sorben zumeist als eine homogene und »ostereiermalende« Spezies dargestellt.

Diese vermeintliche »Nichtnormalität« gegenüber dem »normalen Deutschen« führt ständig in die Bredouille. Nicht dass es keine Probleme in der sorbischen Gesellschaft gäbe. Aber wenn die Anerkennung von sorbischer Normalität ausbleibt, folgen daraus solche Stigmatisierungen. Und es wird suggeriert, die »normale« deutsche Welt sei anders, eben zeitgemäß. Das Sorbische bleibt am Ende »Niedrigstmaß«, womit gewollt oder ungewollt Überlegenheits- und Machtanspruch demonstriert wird. Falls ein Sorbe nun doch Ministerpräsident geworden ist, dann kann das natürlich nur ein Depp sein, der es eben so und nicht besser weiß. Dass noch nach mehr als 1200 Jahren Ansässigkeit der Sorben in der Lausitz ein derartig diffuses Sorbenbild besteht, ist eine Absurdität der Aufklärung. Und dass die negative Agenda, die das Sorbenbild bereits in der Vergangenheit bestimmt hat, weiter reproduziert wird, ist das eigentliche Problem.