Albert O. Hirschman * 7. April 1915 - † 10. Dezember 2012

Dieser jüdische Junge aus Berlin hat es weit gebracht – aber zwangsläufig in der Ferne, wie andere große Söhne dieser Stadt, der Religionswissenschaftler Gershom Scholem zum Beispiel, der Philosoph Herbert Marcuse oder der Kulturhistoriker Peter Gay. Otto Albert Hirschmann, protestantisch getaufter Sohn eines Neurochirurgen an der Charité, verließ 1933 Deutschland, studierte in Paris und London Ökonomie, kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco, war später kurz Soldat in der französischen Armee und half schließlich als Passspezialist in Varian Frys legendärem Emergency Rescue Committee bei der Rettung Tausender NS-Verfolgter aus dem besetzten Frankreich. 1943 bis 1945 kämpft er für die Amerikaner in Afrika und Italien gegen Nazideutschland. Nach Kriegsende dann startet er, mittlerweile ohne das zweite, deutsche "n" in seinem Namen, eine Karriere in Amerika – von Berkeley, Columbia, Harvard, Yale bis Princeton – als Nationalökonom mit weit ausgreifenden sozialphilosophischen Interessen. Die Praxis behielt Albert O. Hirschman dabei im Blick, zunächst als Entwicklungsökonom in Lateinamerika. Mit pragmatischer Skepsis schaute er auf die üblichen großen Modelle seiner Wissenschaft. Sein berühmtestes Werk Exit, Voice and Loyalty (1970) analysiert die komplexen Reaktionen auf Leistungsversagen bei Unternehmen und Staaten: Abwanderung und Widerspruch. 1990 konnte er dann am Wissenschaftskolleg in seiner Geburtsstadt die zwanzig Jahre alten Thesen angesichts der Revolution in der DDR überprüfen – und gestand problemlos seine Irrtümer ein: Abwanderung der Unzufriedenen kann Protest durchaus befeuern, nicht etwa nur schwächen. Schwache Stellen von Theorien interessierten ihn ohnehin: Gegen reine Lehren von Gesetzmäßigkeit und Rationalität sah er gesellschaftliche "Leidenschaften und Interessen" auch bei den Gründervätern der Ökonomie am Werk. Er entdeckte in der westlichen Moderne alle dreißig Jahre einen Wechsel aus politischem Engagement und Enttäuschung (1982) und sezierte die Rhetoric of Reaction (1991) in der Ära von Thatcher und Reagan. Stilistisch brillant, voller Geist und Witz, blieb er stets ein Unorthodoxer. "Weißt du was? Vati hat keine Weltanschauung!", empörte sich einst der in der sozialistischen Jugendbewegung aktive Gymnasiast bei seiner Schwester. Dass sein Vater recht hatte: Für diese Einsicht, so bekannte Hirschman viele Jahrzehnte später, habe er sein ganzes Leben gebraucht. Ihm blieb stets der Glaube an den Zweifel.