Natürlich dachte Grzegorz Hajdarowicz, dass er mit Zeitungen Geld machen könnte. Alkohol, Süßigkeiten, Immobilien, ja, selbst Maschinen zum Eierzählen – so kam er zu seinen Millionen. Jetzt eben Zeitungen, wo ist da schon der Unterschied?

Aber Zeitungen sind aus Geschichten gemacht. Und manchmal, wenn ein paar brisante Zutaten zusammengerührt werden, verselbstständigt sich so eine Geschichte, bis sie keiner mehr unter Kontrolle hat. Der Absturz eines Flugzeugs auf dem Weg nach Russland, 96 Tote, darunter das Präsidentenpaar, Schlampigkeiten bei der Untersuchung, der Starrsinn russischer Behörden – das sind solche Zutaten. In einem Land, das in der Vergangenheit durch geheime Abkommen um seine Existenz gebracht wurde, werden sie schnell zu einem gefährlichen Gemisch.

Zweieinhalb Jahre liegt das Unglück zurück, der Abschlussbericht ist längst veröffentlicht, doch das Misstrauen gärt: Wem ist noch zu trauen? Was weiß die polnische Regierung über den Absturz? Und was die Opposition? Kann sich das Misstrauen so sehr hochschaukeln, dass es ein Land verrückt macht?

Das Flugzeugwrack und die Flugschreiber befinden sich noch immer in Russland. Wie ein Versicherungsvertreter hat der polnische Außenminister an die russischen Türen geklopft: beim Justizminister. Beim Präsidenten. Beim Premier. Nichts. Er hat jetzt die EU um Hilfe gebeten.

Vor wenigen Wochen haben Redakteure der Tageszeitung Rzeczpospolita dieser Smolensk-Geschichte noch eine Zutat beigemischt. Unter der Überschrift TNT am Wrack der Tupolew schrieb der Autor Cezary Gmyz, dass an der Präsidentenmaschine Spuren von Sprengstoff, TNT und Nitroglycerin, gefunden worden seien. Der Generalstaatsanwalt habe die Informationen bestätigt, die Regierung sei seit einem Monat informiert. Das Wort Anschlag tauchte in dem Text nicht auf. Doch für viele Leser steht es bei jedem Artikel über Smolensk längst zwischen den Zeilen. Zwei Drittel aller Polen wünschen sich eine internationale Untersuchung des Absturzes, weil sie ihrer Regierung nicht trauen.

Grzegorz Hajdarowicz hat sein Büro in einem Glaspalast im Zentrum von Warschau, in den Stockwerken über ihm sitzen die Redaktionen einer Handvoll Medien. Sie gehören jetzt ihm, dieser Mix aus Onlineportalen, ein linkes Wochenmagazin, Wirtschaftstitel und zwei konservative Medien: die Tageszeitung Rzeczpospolita und das Wochenmagazin Uważam Rze. Beide national, religiös, eher dem Kurs des Oppositionsführers Jarosław Kaczyński folgend. Hajdarowicz hat sie vor einem Jahr für 135 Millionen Złoty, rund 34 Millionen Euro, gekauft. Einen Teil kaufte er für 14 Millionen Euro dem Staat ab, die er in Raten bis 2017 zurückzahlt.

Hajdarowicz hat lockiges Haar. Er trägt ein lila Hemd. Keine Krawatte. Wenn er über Smolensk spricht, dann klingt seine Stimme schrill: Das Gerede vom Anschlag, das sei Wahnsinn.

Er muss nervös geworden sein, als ihn sein Chefredakteur einen Tag vor Erscheinen aufgeregt über den Artikel von Cezary Gmyz informierte. Er war gerade mit seiner Familie in Barcelona und flog sofort zurück nach Warschau. Nachts um halb zwei traf er einen alten Bekannten: den Pressesprecher der Regierung. Warum? "Das war kein gewöhnlicher Text über das Wetter oder einen Autounfall", sagt Hajdarowicz. "Man muss nur ein Minimum an Vorstellungsvermögen haben, um sich die gesellschaftlichen und politischen Folgen auszumalen." Dass aber ein Verleger nachts den Regierungssprecher trifft, dass innerhalb von 48 Stunden eine ganze Führungsriege entlassen wird – das befeuert das Misstrauen bei jenen, die schon immer an der politischen Unabhängigkeit des Verlegers gezweifelt haben.

"Ich bin ein polnischer Patriot. Es war meine Pflicht, so zu handeln"

Als der Text von Gmyz dann erscheint, dementiert der Generalstaatsanwalt sofort: Es könne "hoch energetische Partikel" geben, die als TNT interpretiert werden könnten, aber in Wirklichkeit keines seien. Möglicherweise. Man könne das aber erst in einem halben Jahr überprüfen, die Proben lägen noch immer in Russland.