"Zurücktreten bitte, Türen schließen!" Was 19 Jahre nicht vermocht hatten, das passierte nun hier, an der Bahnsteigkante einer New Yorker U-Bahn-Station: Meine Mutter und ich wurden voneinander getrennt. Sie winkte noch und setzte ein beruhigendes Lächeln auf, als sich ihr Zug in Gang setzte. Ich sah ihr Gesicht verschwinden und fragte mich, ob es richtig von mir war, sie alleine fahren zu lassen. Da verkündete eine Lautsprecherstimme: »Achtung! Der Zug der Linie B nach Brooklyn fährt diesmal auf der Line R in Richtung Queens

Das war im Dezember 1985. Meine Mutter und ich waren ein paar Wochen zuvor endlich in den USA angekommen – zwei Flüchtlinge aus dem Iran. Die ersten Monate waren die schwersten, vor allem wegen der falschen Wahrnehmung, der wir überall ausgesetzt waren. Ich habe damals sehr viel Energie darauf verwendet, die Wut zu bändigen, die jedes Mal in mir aufstieg, wenn mich ein Fremder fragte, woher ich komme.

»Iran«, sagte ich, bereit für die Reaktion, die regelmäßig folgte. »Du musst begeistert sein, jetzt hier zu leben!« Mein Englisch war damals zu schlecht, um zu erwidern, dass selbst Garten Eden ein düsterer Ort wäre, wenn man nicht aus freien Stücken dorthin gegangen sei.

Was den Iran angeht, merkte ich schnell, dass es zwei Sorten von Amerikanern gab: die schlecht informierten, die den Iran für eine rückständige Nation von verschleierten und in Turbane gehüllten Arabern hielten, die in Oasen lebten und von einer Regierung von Mullahs einigermaßen gut repräsentiert würden. Und die in die Irre geleiteten, die glaubten, dass das Schah-Regime eine Marionette der CIA sei. Sie sahen in Ajatollah Chomeini und seinen klerikalen Seilschaften ein authentisches Eigengewächs und eine Antwort auf die unberechtigte Einmischung der USA.

Die erste dieser Gruppen amüsierte mich stets. In ihrer Gesellschaft schob ich jeden schlechten Charakterzug auf meine »Beduinen-Erziehung«. Als ich etwa an einem heißen Sommerabend bei einem Spaziergang am Strand von Coney Island ein paar Tropfen geschmolzenes Eis von meinen Handflächen schleckte und dann das entsetzte Gesicht meines Dates sah, erklärte ich ohne Umschweife, mein schlechtes Benehmen sei darauf zurückzuführen, dass ich meine Kindheit in einem Land verbracht hätte, in dem noch nie jemand von Besteck und Servietten gehört habe. Seine blauen Augen füllten sich mit Tränen des Mitgefühls. Auf dem College fragte mich eine Mitbewohnerin, welche Transportmittel meine Familie in Teheran benutzt habe. Ich erzählte ihr, dass wir sechs Kamele in verschiedenen Größen in unserem Garten gehabt hätten. Mein Vater sei auf dem Papakamel geritten, meine Mutter auf dem Mamakamel, meine Brüder auf den jüngeren Tieren und ich auf dem Kamelbaby.

An der zweiten Gruppe, den in die Irre geführten Amerikanern, verzweifelte ich jedoch. Sie flüchteten sich in abgestandene Thesen: Amerika habe dem Iran Unrecht getan. Deshalb hätten die Klerikalen alle Verbindungen zu den USA gekappt. Sie mussten erst noch realisieren, dass Irans Herrscher sich zwar leidenschaftlich gegen den amerikanischen Imperialismus stemmten, deshalb aber noch lange nicht ihr eigenes Volk gerecht behandelten oder gar von diesem geliebt wurden. Sie konnten den Gedanken nicht ertragen, dass der Feind ihres Feindes nur ein weiterer Feind war.

Neben den Fremden machte mich aber auch meine eigene Familie zornig. Wenn du als Flüchtling in Amerika ankommst, halten sich alle deine früher eingetroffenen Verwandten für fachkundige Berater. Sie decken dich sofort mit einer Reihe bildreicher Sinnsprüche ein: »Jetzt bist du ein Vogel. Du bist dem besseren Wetter gefolgt«, sagen sie. Oder: »Du bist eine Pflanze, und jetzt hast du endlich gute Erde gefunden, in der du Wurzeln schlagen kannst.« Völlig verwirrt, wie wir waren, glaubten meine Mutter und ich, um unsere Gedanken zu ordnen, müssten wir nur die für uns passenden Metaphern ausfindig machen.