Endstation

1998 war ich zum Dienst an Weihnachten eingeteilt. Ich hatte so einen dicken Hals: Zu Hause sitzen meine Frau und meine kleine Tochter, und ich muss Bus fahren! Ich dachte, Weihnachten ist für mich gegessen. Der Bus war leer bis auf eine alte Dame, an der Endstation am Stadtrand saß sie immer noch da und bat mich, sitzen bleiben zu dürfen, sie sei so allein. Ich fand das erst nicht so toll, schließlich hatte ich eine Stunde Wendezeit, und ich wollte rauchen. Sie meinte, das störe sie nicht. Ich zündete mir also eine Zigarette an und holte die Zeitung raus. Aber dann dachte ich: Das kannst du jetzt nicht bringen! Ich fing also an, mich mit ihr zu unterhalten. Sie erzählte mir, dass ihr Mann vor ein paar Jahren verstorben sei und sie nun niemanden mehr hätte. Unser Gespräch wurde sehr schnell sehr persönlich. Ich hatte von einem Wegkreuz nahe der Haltestelle ein Teelicht gemopst, da war es gleich ein bisschen weihnachtlich im Bus. Wir aßen die Plätzchen, die meine Frau mir in die Brotdose gepackt hatte, und tranken den Pfefferminztee aus meiner Thermoskanne. Ich hatte die Standheizung angemacht, damit es nicht so kalt war, und das Licht angelassen. Es war richtig gemütlich, sie aß mir praktisch die Kekse weg, und die Zeit verging wie im Flug. Ich war dann plötzlich schon drei Minuten über dem Fahrplan, wollte schnell starten – aber der Motor sprang nicht an. Batterie leer. Funk ging natürlich auch nicht, und ein Handy hatte keiner von uns beiden. An der Haltestelle gab es zwar eine Gaststätte, aber die hatte zu. Der alten Dame hat das alles richtig Spaß gemacht, "Und das an Heiligabend!", sagte sie mehrmals und freute sich. Wir mussten auf den nächsten Bus warten, der rief den Werkstattwagen, der uns wieder flottmachte. Die alte Dame fuhr noch bis Köln-Nippes mit. Ich denke oft an dieses Weihnachtsfest, aber die alte Dame habe ich leider nie wiedergesehen.

Achim Schmitz, 45, ist Busfahrer in Köln.