Wenn die Chemie nicht stimmt

Meine Weihnachten fanden in Thüringen bei meinen Großeltern statt und waren wie im Bilderbuch. Zumindest fast immer. Denn ein Fest war anders, und an das erinnere ich mich besonders gut. Eigentlich fing alles an wie sonst. Der Heiligabend begann in der üblichen Mischung aus Heimlichkeit und Hektik. Der Tag verging zäh und langsam, wie es so ist, wenn man neun Jahre alt ist und die Bescherung nicht erwarten kann. Ich stapfte durch den Schnee, bis es endlich, endlich anfing zu dämmern. Zurück zu Hause, wollte ich sofort ins Weihnachtszimmer stürmen, doch es dauerte, bis mein Großvater es freigab und ich den Weihnachtsbaum in all seiner Pracht sehen konnte. Alles war feierlich und andächtig. Aber so sollte es nicht bleiben. Denn nun kam die Bescherung.

Ich war immer schon eine Leseratte und hatte vor allem Bücher auf meinem Wunschzettel. Doch meine Großeltern hatten sich etwas anderes überlegt: Ich bekam einen Chemiebaukasten. Und so schmökerte ich nicht friedlich vor mich hin, sondern widmete mich mit großem Eifer und ebenso großer Unkenntnis den chemischen Elementen. Das Resultat war absehbar: Es machte »Puff!«, und der schöne Weihnachtsbaum brannte lichterloh. Die beschauliche Stimmung war binnen Sekunden dahin. Mit Mühe und Not und mithilfe eines Feuerlöschers, den mein Großvater irgendwoher zauberte, gelang es uns, den Baum zu löschen, bevor Gardinen und Schränke Feuer gefangen hatten. Der Rest des Fests bestand in Aufräummaßnahmen, und statt nach Tanne und Zimt roch es nach Ruß und verschmortem Teppich.

Viele idyllische Weihnachtsfeste sind seitdem gefolgt, mit Weihnachtsbaum und allem, was dazugehört. Doch der Heiligabend, an dem die ganze Weihnachtlichkeit in Flammen aufging, bleibt bis heute der einprägsamste. Erst später wurde mir klar, dass gerade dieses Weihnachten, so untypisch es war, in besonderem Maße so war, wie es sein soll. Wir waren glücklich, gesund beieinander zu sein, Geschenke waren egal, und wir haben in jenem Jahr mehr gelacht als an jedem anderen Weihnachtsfest. Und die Ente schmeckte nach dem Renovieren gleich doppelt so gut.

Sahra Wagenknecht , 43, ist stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke und wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.