Ohne Waffen
Wie Steinbrück die Wahl gewinnt

Damit hatte keiner gerechnet! So wird man in zwölf Monaten das Wahljahr 2013 resümieren. Peer Steinbrücks Einzug ins Kanzleramt war eine Überraschung, doch ihr voraus ging eine Sensation. Zum Wahlkampf-Hit machte der SPD-Kandidat das Thema Rüstungsexporte. Unverblümt nannte Steinbrück Deutschlands ökonomische Triumphe als weltdrittgrößter Waffenhändler "eine gottlose Affenschande".

Auf Wahlkundgebungen zitierte er regelmäßig seinen Heros, den 1914 ermordeten französischen Sozialistenführer Jean Jaurès: "Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen." – "Das muss nicht so sein!", pflegte Steinbrück auszurufen. "Wir Sozialdemokraten sind durchaus Freunde des Kapitals: des Humankapitals einer sozialen Marktwirtschaft mit Verantwortung und weltweitem Horizont! Deshalb sagen wir Nein zum skrupellosen Reibach mit deutscher Waffentechnologie, die andernorts Menschen vernichtet!"

In den folgenden Jubel hinein zitierte der Kandidat süffisant die Noch-Kanzlerin Angela Merkel: "Wer sich der Friedenssicherung verpflichtet fühlt, aber nicht überall in der Welt eine aktive Rolle in der Friedenssicherung übernehmen kann, der ist auch dazu aufgerufen, vertrauenswürdigen Partnern zu helfen, damit sie entsprechende Aufgaben übernehmen." An dieser Stelle skandierte Steinbrücks begeistertes Publikum die Namen jener Partner, beginnend mit Saudi-Arabien. Die Grünen schlossen sich Steinbrücks Abrüstungskampf an – wie die Wahlanalyse ergab, auch mit großem Erfolg bei ehemaligen Wählern der Union. Entgeistert gratulierte die Linkspartei (4,98 Prozent) dem Jungkanzler zum geglückten Themenklau.

Steinbrück gestand, das Willy-Brandt-Haus habe ihm von dieser Kampagne abgeraten. Er aber habe sich durchgesetzt mit Obamas Satz nach dem Massaker von Newtown: "Wir müssen uns ändern."

Christoph Dieckmann