Also scheint Ägypten verloren zu sein: mit einer autoritären Verfassung, einem islamistischen Präsidenten, machthungrigen Muslimbrüdern und eingeschüchterten Christen. Die Revolution ist gescheitert. Sind Sie vielleicht auch dieser Meinung?

Die ägyptische Opposition wäre entsetzt über dieses schnelle Urteil. Ihre Anhänger campieren in Zelten vor dem Präsidentenpalast, haben Mauern mit schrillen Graffiti verziert und protestieren weiter. Das Referendum über die von den Islamisten verabschiedete Verfassung sehen sie nicht als endgültige Niederlage. Das verhasste Grundgesetz ist durchgekommen, bloß wie erbärmlich? Die meisten Ägypter haben das Referendum boykottiert. In den großen Städten stimmten sie dagegen, im gesamten Land nahmen sie es mit gut 60 Prozent an. Es wurde gezahlt und gezinkt. Darüber ist nun der Vizepräsident – kein Muslimbruder, sondern angesehener Jurist – zurückgetreten. Peinlich für den Präsidenten. Mohammed Mursi und die Muslimbrüder verlieren Verbündete.

Die Opposition hingegen fühlt sich wegen der wochenlangen Proteste gegen die Islamisten im Aufwind. Für sie hat der Kampf erst begonnen. Viele Frauen tragen kürzere Röcke, ultraenge Jeans und lockern ihre Kopftücher. Eine breite Bewegung gegen Mursi und die Muslimbrüder entsteht. Drei Dinge machen die Opposition stärker als vor einem Jahr: Geld, Erfahrung und ein guter Schuss Sozialpopulismus.

Hussam Fouda, Kraftpaket, Nimmerschläfer und Aktivist der Partei der Freien Ägypter, verbringt jede Nacht in den Zelten vor dem Palast. Er war dabei, als die Muslimbrüder vor drei Wochen ihre Schläger auf die Zeltstadt losließen. "Mursi ist nicht mein Präsident", sagt Fouda. Er hält den im Juni gewählten Mann für schwach, "eine Puppe der Muslimbrüder". Mit der neuen Verfassung müsse der Präsident neu gewählt werden. Und die Wahl würde Mursi verlieren. Kein Versprechen habe er gehalten, die wirtschaftliche Lage sei miserabel, nur an seine Macht habe er gedacht. Mursi würde längst wie Mubarak wirken. Einsam. Und sturzgefährdet.

Hussam Fouda leitet das Jugendkomitee der Freien Ägypter, der liberalen Partei der Opposition. Die Liberalen sind keine Massenpartei, aber sie haben Geld. Gründer der Freien Ägypter ist der Milliardär und Multimedia-Oligarch Naguib Sawiris, ein erklärter Gegner der Muslimbrüder. Reiche wie Sawiris sorgen dafür, dass die Opposition mit Zelten, Plakaten und Sendezeit gesegnet ist. Sie werden im kommenden Parlamentswahlkampf Millionen gegen die Islamisten investieren. Und sie werden mehr, seitdem Ex-Mubarak-Anhänger zur Opposition gestoßen sind.

Das Neue an diesem Aufstand ist: Die Stabilitätsfanatiker der "Hisb al-Kanapa" – der "Kanapee-Partei", wie die genannt werden, die nie an Demonstrationen teilgenommen haben, gehen plötzlich auf die Straße. Rafik Assaad Sidhom, Polizeigeneral und Islamisten-Schreck, hat früher unter Hosni Mubarak Spezialtruppen gegen dschihadistische Bombenwerfer kommandiert. Seine Wohnung liegt in der Nähe des Präsidentenpalasts, er kann die Zeltstadt sehen, auch die Schlägereien. Nun hat Sidhom selbst demonstriert. Er, der Polizeigeneral, der Mann von Ruhe und Ordnung, der Christ, der die Revolution 2011 von zu Hause aus kritisch beobachtete. Neulich sind sogar die aufgemotzten Ladys des reichen Gezira-Sportclubs geschlossen in Leggings auf den Tahrirplatz gegangen. Sie waren ganz entsetzt über das Tränengas. Viele haben Geld, auf jeden Fall aber Erfahrung und Einfluss. "Wir müssen die Islamisten stoppen", sagt Sidhom. Nachdem die Verfassung abgesegnet wurde, "muss nun die Phase des zivilen Ungehorsams folgen". Die Bürger sollen Widerstand leisten, in den Ämtern, in den Gerichten, bis die Islamisten klein beigeben. Wer früher mal stabilisiert hat, weiß nun auch, wie man destabilisiert.

Man fragt sich allerdings, wie die einstigen Fans des alten Regimes mit den Revolutionären zusammen arbeiten können. Und wie beide jene Massenbasis erobern wollen, die die Muslimbrüder längst haben. Die Antwort fällt dem 35-jährigen Yassir Ali Ramadan, dem Sprecher und Wahlkampfstrategen der Volkstrend-Partei, nicht ganz leicht. "Wir denken nicht so wie die Alten, aber wir sind alle gegen die Islamisten", sagt er. Das halte die Koalition zusammen. Man habe zwei Ziele: die von den Islamisten beschlossene Verfassung zu ändern und die Wahlen zu gewinnen. Ein Sieg wirkt fern, aber nicht mehr weltfremd wie noch vor einem Jahr.

Die Volkstrend-Partei ist vielleicht die stärkste der Opposition. Sie wird von dem linken Volkstribun Hamdin Sabbahi geführt, der bei der Präsidentschaftswahl nur fünf Prozent hinter Mursi lag. Er hat arme Gebiete im Nildelta und den Großstädten erobert, wo sonst nur Islamisten eine Chance hatten. Sabbahi ist der Mann, der im zweiten Jahr der arabischen Revolution ein Ende machen will mit der strukturellen Unterlegenheit der Linken und Liberalen. "Wir wollen sozial helfen und die Menschen weiterbilden", sagt Sabbahis Stratege Yassir Ramadan. Die Muslimbrüder arbeiteten in den Dörfern über die Moscheen. "Wir wollen es mit Sozialbüros machen, die unterstützen und aufklären." Das ist die Antwort auf die Islamisten: ebenso volkstümlich, aber links. Bleibt offen, ob so Kernliberale wie die Freien Ägypter da mitmachen, aber die Frage stellt sich derzeit nicht.

Entscheidend ist, dass Präsident Mursi und die Muslimbrüder erreicht haben, was der Opposition bisher misslang: die zumindest vorübergehende Vereinigung aller nicht islamistischen Kräfte Ägyptens. Nach dem Rücktritt des Vizepräsidenten Mekki ist Mursi auf seine Muslimbrüder zurückgeworfen. Darin liegt nun die Chance der Opposition.