Der Ärztemangel geistert wie ein Gespenst durch Deutschland; ein Gespenst, dem eine zunehmend greise Gesellschaft zum Opfer zu fallen droht. Mit diesem Gespenst machen vor allem Ärzte Lobbypolitik. Aber es ist eben: ein Gespenst. Tatsächlich werden jedes Jahr mehr Ärzte zugelassen als im Jahr zuvor. Es gibt also mehr Ärzte, nicht weniger.

Trotzdem fehlen sie da, wo sie dringend gebraucht werden: auf dem Land. Das will der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Ärzte, Therapeuten, Krankenhäuser und Kassen nun ändern, unter dem eingängigen Namen "Bedarfsplanungs-Richtlinie". Der G-BA ist das höchste Gremium im Gesundheitswesen, und seine neue Richtlinie lobt er einfach mal selbst als "zielgenau, flexibel, fristgerecht". Diese Richtlinie muss noch vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden, soll aber im Januar 2013 in Kraft treten.

Bloß, die neue Richtlinie ist alles andere als "zielgenau". Zwar verkleinert sie die Bezirke, in denen der Bedarf an Hausärzten berechnet wird – und allein dadurch bekommen einige ärztearme Gegenden neue Niederlassungsmöglichkeiten. Insgesamt dürfen dadurch jetzt 3.000 neue Praxen geschaffen werden. Käme es wirklich dazu, könnten viele Deutsche auf dem Lande künftig leichter zum Arzt kommen. Doch schon bisher hätten sich 2000 Hausärzte mehr in Deutschland niederlassen dürfen – wären sie nur bereit gewesen, ihre Praxis in einem strukturschwachen Gebiet zu eröffnen. Waren sie aber nicht. Nun dürfen mehr von ihnen in die ländlichen Bezirke nahe den großen Städten, sodass besonders einsame Landstriche wie die Uckermark am Ende noch mehr darben könnten.

Und wo neue Praxen entstehen, müssten diese eigentlich barrierefrei von gehbehinderten Menschen erreichbar sein. Doch auch das sieht die Richtlinie nicht vor.

Selbst wenn man diese Schwächen beiseiteschiebt, reicht die Bedarfsplanungs-Richtlinie längst nicht aus, um die Versorgung aller Menschen sicherzustellen, die sie dringend brauchen. Diese Menschen gibt es nämlich auch in Städten. Und Städte gelten weiterhin nur als ein einziger Planungsbezirk, egal, wie groß sie sind. Der Bedarf an Ärzten wird also für ganz Berlin, für ganz Köln und für ganz Hamburg errechnet. Niederlassen können sich die Ärzte dann im gesamten Stadtgebiet. Die Folge sind dramatisch unterversorgte Stadtteile, weil die Ärzte in Hamburg von Steilshoop nach Winterhude und in Berlin von Kreuzberg nach Zehlendorf ziehen – dorthin, wo die Patienten mehr Geld und weniger Krankheiten haben; wo die Ärzte bessere Schulen für ihre Kinder und kulturelle Angebote für ihre Freizeit finden. Dem einzelnen Arzt kann das nicht vorgeworfen werden – aber die Gesellschaft braucht dringend eine bessere Versorgung.

Die Richtlinie hat einen weiteren großen Mangel: Die kleineren Planungsbezirke gelten nur für Hausärzte. Eine gut erreichbare ärztliche Versorgung, wie sie die Bedarfsplanungs-Richtlinie anstrebt, umfasst aber auch Fach- und Kinderärzte. Der Bedarf an diesen Medizinern wird nach wie vor in größeren Bezirken geplant. Sie können sich also weiterhin dort ansiedeln, wo sie die für sich günstigsten Bedingungen finden.

Verheerend ist ferner der Umstand, dass für bestimmte Facharztgruppen der Bezirk sogar noch vergrößert wird. Das gilt für die Facharzt-Internisten, zu denen auch die ohnehin knappen Rheumatologen gehören. Sie haben jetzt noch mehr Auswahl. Überhaupt ist die Bedarfsermittlung nicht nachvollziehbar. Sie erfolgt nämlich auf Grundlage von Erhebungen aus den neunziger Jahren und brauchte dringend neue Daten.

In dieser Ermittlung spielt der "Demografiefaktor", wie es in der Richtlinie heißt, eine Rolle, "um der Alterung der Bevölkerung angemessen Rechnung tragen zu können". Die Grenze liegt bei 65 Jahren: Ist die Bevölkerung eines Planungsbereiches im Schnitt älter, bekommt sie mehr Leistungen (also auch Ärzte) zugesprochen. Auch das klingt besser, als es ist. Arme sterben nämlich früher, das belegen Studien immer wieder. Was, wenn mancherorts viele Kranke gar nicht 65 Jahre alt werden?

Deswegen müssten andere Faktoren in die Berechnung einbezogen werden. Die durchschnittliche Krankheitslast zum Beispiel. Diese ist abzulesen an den abgerechneten Leistungen und Diagnosen der Ärzte und Krankenhäuser. Auch der Pflegebedarf müsste berücksichtigt werden. Ebenso das Durchschnittseinkommen einer Region – und wie lange man tatsächlich auf einen Termin warten muss.

Auf all diese Faktoren können die einzelnen Länder nun achten. Auf der Ebene nämlich verhandeln die regionalen kassenärztlichen Vereinigungen mit den Krankenkassenvertretungen um die Bedingungen. Doch die Länder werden von der neuen Richtlinie dazu nicht gezwungen. Machen sie es trotzdem? Nein, viel eher ist zu erwarten, dass auf Länderebene Lobbypolitik dominiert. Dieses Spiel war zuletzt bei den Verhandlungen um die Arzthonorare zu beobachten.

Um den Mangel an Ärzten am richtigen Ort zu beheben, muss die Planung verändert werden. Und vielleicht sollten das jene tun, die es wirklich betrifft. Wer das sein könnte, hat kürzlich das Berliner IGES-Institut im Auftrag der Patientenvertretung im G-BA umrissen: Kreistage, in denen die Bewohner eines Bezirks die tatsächliche Lage rückmelden können.