Österreich ist nicht arm an eigenwilligen jungen Schriftstellerinnen, doch haben wenige von ihnen bisher ein so unverwechselbares Profil gewonnen wie Anna Kim mit ihren Büchern Die Bilderspur, Die gefrorene Zeit und Invasionen des Privaten. Alle diese Bücher handeln von Fremde, Entfremdung und davon, wie Menschen zu Fremden gemacht werden, und alle führen dorthin, wo die Grenzen verschwimmen oder mitten durch die Menschen selbst gehen. Anna Kim forscht beharrlich fragilen Identitäten nach, belastet sie doch selbst eine gebrochene Identität: 1977 in Südkorea in eine Künstlerfamilie geboren, kam sie 1979 nach Deutschland und bald darauf weiter nach Wien, wo Anna Kims Vater eine Gastprofessur erhielt. Von früh auf musste Anna Kim erfahren, "dass mein Anderssein meine primäre Eigenschaft war", und selbst heute noch, nachdem sie sich doch eindrucksvoll in die deutschsprachige Literatur eingeschrieben hat, löst ihr Aussehen oft reflexartig die blöde Frage aus, woher sie so gut Deutsch könne, und auf Ämtern macht ein Beamter aus ihrem Vornamen Anna gern einmal ein ihn asiatisch anmutendes An Na.

Ihr neuer Roman Anatomie einer Nacht erzählt von elf Menschen in einer kleinen und trostlosen ostgrönländischen Stadt, die alle die tödliche Krankheit der Einsamkeit in sich tragen und sich unabhängig voneinander in ein und derselben Sommernacht das Leben nehmen. Elf Selbstmörder, gefühlte hundert, sind zehn zu viel, da hat sich Anna Kim in die Idee einer Selbstmordepidemie verrannt, auf die man angesichts der Weltlage ja durchaus kommen kann, doch dem Roman tut sie nicht gut, weil sie an der Teilnahme des Lesers zehrt. Zumal Anna Kim elf Selbstmörder nicht genügen, sondern sie noch Mädchenschänder, Mörder, Krankenschwestern, die neugeborene Mädchen ersticken, HIV-Positive, durch Hunger- oder Kältetod Dahingeraffte und, immer noch nicht genug, sogar Kannibalen in ihren Roman packt, wobei die exakte Beschreibung der Zerlegung eines Menschen mit Hinweisen darauf, was an ihm das schmackhafteste Stück ist (der Anus), nicht der Komik entbehrt. Anna Kims Landsleute Thomas Bernhard und Josef Winkler wirken gegen sie jedenfalls wie Idylliker.

Auch Anatomie einer Nacht verrät in vielen Passagen Anna Kims ganz ungewöhnliche Art der Wahrnehmung und ihre Sprachkraft, wenn auch manches überanstrengt wirkt und Ausrutscher stören (Formulierungen wie "frustriert", "arrangiert", "den Fokus auf etwas richten", "anbaggern" oder "Informationsträger", die völlig aus dem Sprachrahmen fallen). Dass Anna Kim nicht linear, sondern bruchstückhaft erzählt, sodass man gezwungen ist, sich die elf Selbstmordgeschichten wie ein Puzzle zusammenzufügen, erschwert die Lektüre, erhöht aber auch die Konzentration. Nur vor dem riesigen Personenaufgebot, das Anna Kim daneben noch aufmarschieren lässt, kapituliert auch höchste Konzentration und versagt vor allem das lächerlich unvollständige Personenregister, zu dem zurückzublättern man permanent gezwungen ist.

Bei aller Personenfülle vermisst man schmerzlich eine Person, nämlich Anna Kim selbst, die als Icherzählerin ihrem Roman erst ein festes Zentrum und eine Perspektive geben würde, deren Subjektivität ihn nicht nur besser beglaubigen, sondern auch spannender machen würde. Anna Kim aber zog es vor, diesmal die über allem thronende allwissende Erzählerin zu spielen. Allenfalls in Zügen der lebendigsten und anrührendsten Figur des Romans, der von einem dänischen Ehepaar adoptierten Studentin Sara, die in ihre Heimat Grönland reist, um "Todesarten zu sammeln", und alles, was sie dort beobachtet, in ihr Tagebuch notiert, ließe sich vielleicht eine Art Alter Ego Anna Kims vermuten. Sara hadert mit ihrer fragilen Identität, seit ihr Freund sie auf ihre grönländische Herkunft und die Rolle der Exotin festlegen will, sie empfindet sich an jedem Ort als Fremde. Sara, von der es heißt, sie sei schon "mit dem Wunsch geboren worden, sich zu töten", und die einen riesigen Vorrat an Schlafmitteln und anderen Giften mit sich führt, versucht zuletzt, sich für das Leben zu entscheiden, ein Leben als Hort der Erinnerung, "denn im Grunde sind es die Erinnerungen, die die Dinge lebendig machen, ohne Erinnerungen gäbe es sie nicht, ohne Erinnerung hätten sie nicht die Bedeutung, die sie haben, und wären schon in dem Moment, in dem sie sich ereignen, ungültig". Doch "in dieser einen grönländischen Nacht, die um so vieles dunkler ist als die Nächte anderswo", in der Nacht der Selbstmörder beginnen auch ihre Erinnerungsbilder zu versiegen, und sie weiß, dass es Zeit ist zu gehen, aus der ewigen Fremde ins ewige Nirgendwo.