Ein sauberer, lichter Gang, heller Beton, viel Glas. An den Seiten auf Sockeln Käfig an Käfig: das Kleintierhaus im Tierheim Berlin. Ulf die Rennmaus wurde, so lese ich auf einem Schild, abgegeben wegen "zu vieler Tiere". Die Chinchillas Cosima und Hexe sitzen hier "wegen Trennung" – der Besitzer, versteht sich. Beim Dsungarischen Zwerghamster steht "aus Verwahrung" am Käfig. Im Januar 2012 ist er, zusammen mit Stachelmäusen, Trugratten und einem Opossum, insgesamt 140 Hamstern, Mäusen und Ratten, in der Wohnung eines Berliners polizeilich konfisziert worden. Die herbeigerufenen Tierheim-Mitarbeiter mussten manche seltenen Arten erst bestimmen.

"Animal Hoarding" nennt man das Phänomen der jedes Maß sprengenden Tiersammelleidenschaft. Mal werden über 1.000 Wellensittiche aus einem Haus geholt, dann wieder 100 Pudel oder 300 Katzen. Die betroffenen Menschen gelten als krank, halten sich selber aber für Befreier, Tierretter. Bei ihnen haben es die Tiere gut, glauben sie. Sie fühlen sich als die wahren Tierliebhaber.

Die Sache mit der Tierliebe ist kompliziert geworden. In meiner Kindheit reichte es, Kaulquappen und aus dem Nest gefallene Amselküken nach Hause mitzunehmen, um als tierlieb zu gelten. Einer Karriere als Tierarzt stand dann nichts mehr im Weg. Der Superlativ von tierlieb war Onkel Hans, der sich aus lauter Tierliebe von Mücken stechen ließ. Heute reklamieren neben den Tiersammlern gewalttätige Pelztierbefreier die Tierliebe für sich, aber auch die Streiter für tierische Bürgerrechte, die Bulldoggen-Nothilfe, Anti-Kükenmord-Aktivisten sowie Vegetarier und erst recht Veganer. Und selbstverständlich auch die Zoophilen und Sodomiten, die bei Liebe an Sex denken. Was also ist Tierliebe?

Wer die Tierliebe sucht, muss ins Tierheim gehen, habe ich mir gedacht. Das Tierheim ist der praktische Ausdruck einer gerade mal 200 Jahre alten Einstellung zum Tier. Vorher – und juristisch bis 1990 – galt das Tier als Sache. Leidensfähigkeit wurde ihm abgesprochen. 1822 wurde in England das erste Tierschutzgesetz erlassen zum Schutz insbesondere von Pferden. 1871 verfügte das Reichsstrafgesetzbuch, dass mit Strafe bedroht wird, wer "öffentlich oder in Ärgernis erregender Weise Thiere boshaft quält oder misshandelt". Der Stuttgarter Pfarrer Albert Knapp gründete 1837 den ersten deutschen Tierschutzverein. 44 Jahre später entstand der Deutsche Tierschutzbund, der heute über 800.000 Mitglieder zählt. 800.000 Tierliebhaber!

Das Tierheim Berlin ist das größte seiner Art in Europa. Schon der erste Eindruck der erst zehn Jahre alten Einrichtung am Rande des Plattenbaubezirks Hohenschönhausen ist eine positive Überraschung: keine Kaserne mit Käfigen, kein Hochsicherheitstrakt für verstörte Hunde, nichts mehr erinnert an ein Tierasyl vergangener Zeiten. Im Gegenteil: Die Berliner Institution ist eine Mischung aus Sanatorium und Gartenstadt. Es gibt sehr viele Menschen, die es daheim nicht so schön haben. Freundlicher Beton, Wasser, Wiesen. Flache Bebauung. Am Rand ein kleiner, gepflegter Tierfriedhof, daneben ein veritabler Bauernhof mit Nutztieren, die schlecht behandelt wurden.

Mitten in der Anlage liegt wasserumplätschert und betoneingefasst ein monumentales Rondell. Ein Stadtviertel fast, für Hunde, Straßenkatzen, ein paar Affen aus DDR-Laboren, Waschbären und Terrarienexoten wie Warane. Die einzelnen Stationen sind wiederum kleine Rondelle mit Auslauf ins Grüne. Das ganze futuristisch anmutende Anwesen ist mittlerweile ein Exkursionsziel von Architekten geworden. 30 Fußballplätze groß ist die "Stadt der Tiere", die Baukosten betrugen 40 Millionen Euro. Ein Teil stammt aus dem Verkauf des alten Tierheims Lankwitz, der Rest aus Spenden.

Wenn Spendabilität Tierliebe ist, bin ich hier richtig. Andererseits: Ist das nicht etwas dick aufgetragen? Wo es doch nur um Tiere geht? Ich habe ein Zitat des verantwortlichen Architekten Dietrich Bangert gefunden. Der ist Katzenbesitzer und darüber hinaus Vegetarier. Er sagt: "Was für Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts gefordert wurde, können wir auch für Tiere zu Beginn des 21. Jahrhunderts verlangen." Ist das noch Biophilie, die Erich Fromm als "die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen" definiert? Oder schon antihuman?

Bürotrakt, viel Glas, Licht von oben, die Räume sind um schmucke Grünflächen herum gebaut. Nun gut – auch der Mensch hat es hier ganz nett. In jedem zweiten Büro wackeln ein oder zwei Schwänze. Private Hunde dürfen mit zur Arbeit. Ich treffe Stephanie Eschen. Sie ist nicht nur die Sprecherin des Tierheims, sondern auch Mitarbeiterin des Bündnisses Tierschutzpolitik Berlin, einer Einrichtung des Tierschutzvereins für Berlin und der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg. Außerdem ist sie ehrenamtliche Tierschutz-Kontrolleurin und besucht Leute, die einen Tierheimbewohner aufgenommen haben. Eine Engagierte.

Stephanie Eschens Hund heißt La Bella Linda, ein Retriever-Mischling. Meiner heißt Hugo. Gleich ist man im Gespräch; das kennen alle Hundebesitzer. Hugo ist optisch eine Mischung aus Hase und Dackel und stammt von Teneriffa. Da wurde er schlecht behandelt oder war ein Straßenhund oder sollte vielleicht getötet werden, ich weiß es nicht. Aber eins ist klar: Wer sich bei "Hunde in Not", "Vier Pfoten in Not" oder "Niemandshund" einen armen Kläffer aussucht, weist sich schon dadurch als Tierliebhaber aus. Oder?