Man sollte es mit der Rührseligkeit, gerade an Silvester, nicht übertreiben. Die größten Arschlöcher sind an Silvester zart gestimmt, werden versöhnlich, und unversehens liegt man mit seinem Todfeind im Arm oder, noch schlimmer, im Bett. An Silvester werden immer alle scheußlich nett, weil ja was endet, und jedes Ende erinnert an die eigene Vergänglichkeit und daran, dass man unversöhnt aus der Welt scheiden könnte. Kann sein: Das ist ein schöner Antrieb. Aber er bringt nichts. Im Gegenteil. Die falsche Versöhnung ist der heimliche Grund ganz besonders brutaler Auseinandersetzungen. Wenn der Morgen graut, und das Gesicht, das sich tags zuvor so überraschend anders, so verständnisvoll gezeigt hat, sich wieder als das entlarvt, was es schon immer war, als die Fratze der Gemeinheit, dann, ja dann gibt es kein Halten mehr: Fortan werden die Messer noch emsiger gewetzt.

Es geht hier natürlich nicht um Silvester. Silvester ist nur der Aufhänger, weil man im Journalismus ja immer einen verdammten Aufhänger braucht, um dann doch nur das zu schreiben, was man halt immer so schreibt. Die Thesen dieser Welt sind begrenzt. Um wie viel mehr die eigenen! Finis wird, weiß der Teufel, es schon einmal gesagt haben: Nichts schmerzt uns mehr als die fehlgeleitete Fraternisierung, nichts verzeihen wir uns weniger als das Missgeschick, denjenigen aufgewertet zu haben, der es nie und nimmer verdient hat. Sich in einem schwachen Moment zum Bruderkuss verleitet zu haben empfinden wir als Schmach, die rückgängig gemacht werden will. Rückgängig gemacht werden kann sie nur durch eine unserer üblichen Selbstlügen: »Nicht ich selbst habe den Feind zum Freund gemacht«, denkt man sich, »der Feind hat sich, geschickt wie er ist, für einen Abend camoufliert und genießt nun den Sieg und meine Schwäche.« Der Gegner denkt genauso – und schwuppsdiwupps ist die Feindschaft nicht nur runderneuert, sondern auf einer höheren, einer wuchtigeren Ebene angelangt. (Lustig: Dabei war man natürlich für einen Moment tatsächlich ganz wahrhaft versöhnt.)

Überhaupt ist es ratsam, sich im Leben nur sehr selten zu verlieben. Und nur sehr selten zu verfeinden. Beide Aggregatzustände, das blinde Treiben der Liebe und das stolze Gefühl der Feindschaft, sollten nach Möglichkeit stabil gehalten werden. Es bringt nichts, an ihnen herumzulaborieren. Sie bilden die zwei Enden der Welt. In diesem Sinne: Auf ein Neues!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio