Von meiner Mutter habe ich eine Schublade voller Fotografien geerbt, in der ich gelegentlich wühle, wenn ich Zeit zu haben meine. An langen Winterabenden, besonders zwischen den Jahren, kommen die Stunden, da ich die alten Fotos wieder hervorhole. Die Lebensspur meiner Mutter ist darin aufbewahrt, von den Anfängen mit ihrem Zwillingsbruder auf einem Bärenfell bis zu ihrem Tod im Jahr 1970; die frühesten Bilder noch auf hartem Karton. Auch ihre Eltern tauchen auf, Schulfreundinnen und Arbeitskollegen, ganz selten nur, höchstens zwei-, dreimal, mein unehelicher Vater, beim Tennisspiel.

Ich sehe den Großvater im September 1915 beim Einrücken ins Feld, mit seinen Kameraden in die Uniform gepresst. Ein paar Jahre später steht er im Kreis seiner Schüler mit Hut und Wanderstock in Schriesheim unterhalb der Strahlenburg. Ich sehe die Großeltern in altmodischer Badekleidung am Tegernsee zur "Sommerfrische", die Mutter als junge Frau mit schief sitzendem Hut und pelzbesetztem schwarzem Mantel, sehr elegant, einen weißen Terrier an der Leine. Und mich selber sehe ich, in speckigen Lederhosen, ein Katzenkind in jeder Hand. Tiere, vor allem Hunde, spielen auf diesen Bildern eine nicht unwichtige Nebenrolle; oft wurden sie beim Nachbarn ausgeliehen.

Nahezu alle Menschen auf diesen Fotos dürften nun schon tot sein. Fraglich, ob sie noch vermisst werden, ob jemand ihrer gedenkt. Wie klein und blass sie geworden sind. Kein dunkler Schimmer sollte auf diese Lebensbilder fallen. Vom Sterben ist darin nicht die Rede, weder im Krankenbett noch im Krieg; bloß keine Trümmerlandschaften! Lieber Hochzeiten und Kindstaufen. Ein ewiger Sommer sollte das Leben sein, wider alle Wahrscheinlichkeit.

Manche Gesichter sind mir völlig unbekannt, es könnte sich um nahe Freunde meiner Mutter oder um entfernte Verwandte handeln, die ich nie gesehen habe, weil sie vor meiner Geburt gestorben oder nach Amerika ausgewandert sind oder weil meine Mutter keinen Kontakt mehr zu ihnen hatte. Einst versammelten sich alle bei Familientreffen: 1902 in Wildbad, 1919 in Worms, 1926 in Mühlburg, im Gasthaus Zum Adler, die Fotos beweisen es. Oder sie trafen bei der "Liedertafel" in Mannheim zusammen, die mein Großvater dirigierte – lauter geronnene Augenblicke.

Schon öfter habe ich mich bei dem Wunsch ertappt, den mir nichts sagenden Teil der Fotos wegzuwerfen, um Übersicht in der Schublade zu schaffen, doch etwas hält mich stets davon ab; ja es käme mir wie ein Frevel vor, ein Verrat. Meine Mutter war schließlich mit diesen Bildern verbunden, sie kannte die Menschen und ihre Geschichten, sonst hätte sie die Fotos nicht aufbewahrt und manchmal abends, von kleinen Ausrufen begleitet, angeschaut. So lege ich sie wieder in die Schublade zurück und stelle mir das Stimmengewirr vor, in das sie, für mich unhörbar, dort geraten.

Wer mag das kleine Mädchen sein, das da den Arm um mich legte?

Es gibt in der Schublade zwar etliche Fotos von mir, doch längst nicht so viele wie heute üblich, da die Kinder bei jeder Gelegenheit fotografiert und gefilmt werden.

Meine Mutter besaß nur einen schlichten schwarzen Kasten, eine "Box", die einfache Schwarz-Weiß-Aufnahmen machte und nicht oft eingesetzt wurde. Meist bin ich allein zu sehen oder in Begleitung meiner Großmutter, an ihrer Hand oder im Kinderwagen. Ich spiele auf dem Balkon mit Sand oder im Hof mit Wasser, ich sitze auf dem Dreirad vor dem Haus oder auf einem eisernen Schlitten mit Geländer, im Schnee, warm eingepackt. Ein paarmal drängen sich Nachbarskinder mit ins Bild, bei einigen erinnere ich mich noch an den Vornamen. Die Straßen der Kriegs- und Nachkriegsjahre sind sonnig und leer von Autos. Vermutlich hat die Box nur bei schönem Wetter funktioniert.

Einige Fotos sah ich mir im Lauf der Jahre immer wieder an, besonders solche, auf denen mir unbekannte Kinder abgelichtet sind. Mit der Lupe mustere ich die Gesichtszüge, die Kleidung, den Hintergrund.

Plötzlich kommt ein Brief aus Genf

Lange hat mich eine Serie von sechs Aufnahmen beschäftigt, drei sind im Winter, drei im Hochsommer, vermutlich 1944, entstanden. Sie zeigen jeweils mich im Alter von fünf oder sechs Jahren sowie ein etwa gleichaltriges Mädchen mit dunklen Haaren und mutwilligem Blick. Auf einem der Winterfotos kauert das Mädchen am Boden über einer Blumenschale, während ich lächelnd neben ihr stehe. Sie trägt eine spitze Wollmütze und einen schwarzen Mantel mit einem breiten, weißen, wie gewebten Kragen. Das finstere Gebüsch, vor dem wir stehen, könnte sich im Stadtwald oder auf einem Waldfriedhof befinden.

Auf den hellen Sommerfotos sitzen wir an einem terrassierten Hang auf einer Trockenmauer, im Hintergrund die Glasscheiben eines Gewächshauses. Das Mädchen ist barfuß, trägt ein weißes Kleid und eine große weiße Schleife im Haar, ich bin mit einer Spielhose und Sandalen bekleidet; mein Gesicht und meine Körperhaltung vermitteln den besonders bei Kindern leicht komischen Eindruck von Ernst und Distanz. Doch wie friedlich alles aussieht, während sich Deutschlands Untergang gerade vollendet.