Costa Concordia 2012, wir nehmen Fahrt auf, an Bord geht das Gerücht um, im Laderaum habe man das Gottesteilchen gefunden, doch das MDR-Fernsehballett tanzt auf dem Unterhaltungsdeck alle Gehirne leck. Florian Silbereisen vergoldet die Stimmung, er weiß noch nicht, dass er im Eismeer auf einer Eisscholle ausgesetzt werden wird von der meuternden Mannschaft; da schlagert der Fuzzi aber einfach weiter, bis die Gletscher immer schneller schmelzen, das Gottesteilchen leuchtet in der Dunkelheit, nix war’s mit den Mayas, aber der Weltuntergang ist ein schleichender Prozess, die Apokalypse lässt sich Zeit, in Syrien ist sie schon voll im Gange, wir sehen die Blitze der Geschütze hinter der Brandung, wenn wir uns weit über die Reling lehnen. Schrapnelle hagelt’s auch anderswo, aus Wolken, auf Menschen, wir wollen Unterhaltung und kleine Sorgen, weil: Keine Sorgen ist auch langweilig, am Abend wird Beate Zschäpe in der Offiziersmesse als Alleinunterhalterin auftreten, weil: Satire darf alles, und der Rest des Trios wandert schon längst durchs Walhalla. Wenn sie nicht eben mal für die großen Reisen gebucht wird, sitzt die Beate in einem verspiegelten Raum aus Glas, 24 Stunden im grellen Licht.

Schäuble persönlich ist ihr Leibwächter, aus altem Pflichtgefühl heraus, obwohl das doch eigentlich und wie immer "Ländersache!" ist.

Höhepunkt von Beates Abendunterhaltung: ein Buzzer-Duell mit Günther Jauch, chancen- und meinungslos geht dieses Beiboot des Intellekts in den Fluten verloren und sinkt. Wohl zu viel Behaglichkeit auf den hölzernen Planken gehortet.

Und wir stehen am Bug, spielen mit ausgebreiteten Armen das alte Titanic-Spiel, blicken dann auf die Galionsfigur unter uns, die sich plötzlich regt und windet, Moment, das ist doch ... ja wer ist dieser seltsame Hybrid, wer sind diese ineinandergeschlungenen Leiber, vielköpfig, Hydra gleich, als seien sie direkt aus der Offenbarung des werten Johannes entsprungen (Bibel-Mayas 1-0), also da erkenne ich den Fitschen von der Deutschen Bank, ist das unsere Kanzlerin?, nee, doch nicht, das wäre ein wenig zu einfach, und noch so ein Geldraffer, besteht diese blutige Galionsfigur tatsächlich nur aus Bankern und Managern und ... nee, Moment, Dieter Bohlen und Mario Barth schälen sich schamlos aus dem Gammelfleisch, das sieht aber mal gar nicht nach Biohof aus, und so nehmen wir Fahrt auf die Volksverdummung 2013, im Westen nichts Neues, hinter uns donnern die Bordgeschütze Salut, denn wir kreuzen die Küste Griechenlands, hoch oben unter den Wolken, auf diesem Turm, der unsere Brücke sein soll, steht der Kapitän, er hält ein riesiges Sprachrohr in der Hand, wir können ihn nicht erkennen, wer bist du, Käpt’n, oh Käpt’n, und in welcher Kabine sitzt die Angela, oder steuert die sogar persönlich unser Riesenschiff durch die griechischen Inseln?, Vater Rhein, du fehlst uns sehr, aus dem Unterdeck schreien die Kinder, Wohlstandsverwahrlosung, sie haben die Nase voll von Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg und all den anderen Klischees, die aber leider meistens stimmen, dann lieber Rütli-Schule und Neukölln, wo die Migranten aus Lautsprecherwagen mit Goethe, Mann und den Märchen der Brüder Grimm dauerbeschallt werden, weil: So geht das ja nicht weiter!, aber all das ist fern, unser Kreuzfahrtschiff stampft und schlingert durch die Gischt, "Freiheit, Freiheit, Freiheit, Freiheit und auch noch Freiheit!"

Und die Freiheit, nein, nicht die Junge Freiheit natürlich, aber die Freiheit und die Freiheit! Es ist, meine Damen und Herren, die Freiheit", so dröhnt die sonore Stimme unseres Käpt’n über das Deck, nein, mit dem möchten wir nicht auf Grund laufen, das könnte riskant werden, der hat nur genau eine Rettungsweste dabei, hell ertönt da die Glocke zum großen Ball, und der Käpt’n verstummt, muss sich noch striegeln und schniegeln fürs Volk. Auf geht’s, auch wir machen uns schön!

Und zu den Klängen der extra aus Chemnitz eingeflogenen Band Kraftklub (mit "k"!) schieben sich die Paare übers Parkett des großen Salons. Da wurde ja mal richtig was aufgefahren, keine Kosten wurden gescheut, asiatische Liftboys, indische Kinder, chinesische Greise, alles, was unter dem Euro liegt (pro Stunde natürlich!), arbeitet der Feier zu, hinten wird noch an den Gala-Uniformen gehäkelt, U-Boote bringen uns Nachschub vom Hindukusch, was singt die Band da?, Auch wenn andre Städte scheiße sind, ich will nicht nach Berlin!, "Pfui", flüstert mir da die grazile Bettina W. ins Ohr, während wir ganz eng im Walzerschritt ... ich weiß gar nicht, wie ich jetzt zu der Ehre gekommen bin, aber ja, der Christian hat noch was zu klären in einer ganz dunklen Ecke, es hat wohl was mit dem Gottesteilchen zu tun, aber alles koscher!, "Pfui", flüstert mir die schöne Bettina wieder ins Ohr, "natürlich wollen wir nach Berlin."

"Darf ich bei dir einziehen?", will ich fragen, aber schon ist sie weg und tanzt eine Runde mit Käpt’n Gauck, obwohl der mit zwei Frauen aufgetaucht ist, da wird schon getuschelt, aber was soll’s, der Punschcocktail Freiheit wärmt und schmeckt uns.

Und um Mitternacht wird uns Eierschecke gereicht, kennen die Wessis nicht, schmeckt ihnen aber trotzdem, die Honoratioren aus dem Ruhrpott greifen beherzt zu und stopfen sich die Taschen voll, die sie vorher mit Folie ausgelegt haben, dem einen, könnte der Bürgermeister von Hagen sein, schaut ein blau-weißer Aldi-Beutel unten ausm Hosenbein, "Pfui", rufe ich, "Finger weg von der Schecke, das Rezept bleibt geheim, da geben wir euch lieber was vom Soli ab, braucht ihr auch wirklich!"