Wenn Sie im Vorgriff auf Neujahr "predictions" – Voraussagen – googeln, erscheint an erster Stelle Barbara Goldsmith, die für 25 Dollar auch persönliche Schicksalsfragen beantwortet. Für 2013 sagt sie (umsonst) Feines voraus. Wenn Neptun ins zwölfte Haus (der Fische) wandert, werden "Momente höchster Ruhe" eintreten. Aber aufgepasst. Neptun ist ein "Meister der Illusion". Wenn die Tiere flüchten, die Vögel verstummen, schlägt die Katastrophe zu: Hurrikane, Tornados, absaufende Städte, und zwar bis 2024. Dennoch nicht verzagen: "Wir können aus dem Chaos aufsteigen und eine bessere Welt erschaffen."

Das ist die klassische Struktur der Voraussage seit Jeremiah: Mal den Teufel an die Wand, aber so vage, dass auch das Gegenteil eintreten kann, insbesondere wenn der Mensch sich bessert. Oder sag, was immer stimmt. Es wird immer Stürme geben, und die Tiere werden vorher in Deckung gehen. Der Club of Rome hat vor vierzig Jahren das Ende aller Karbon-Energie vorausgesagt, aber nur, wenn nicht X oder Y dazwischenkommen, und dann erst in hundert Jahren. Dass gerade mit Schiefer- und Unterwasserfunden ein neues Öl- und Gaszeitalter anbricht, tut nichts zur Sache, denn die hundert Jahre sind noch nicht vorbei.

Grundsätzlich ist der Prophet nicht im Wahrheits-, sondern im Aufmerksamkeitsgeschäft, und je wilder die Voraussage, desto größer der Zulauf. Leute, die komplexer denken, kommen weder in die Bibel noch in die Talkshow. Am schlimmsten hauen die "Experten" daneben, etwa der bekannte Yale-Ökonom Irving Fischer, der eine Woche vor dem 1929-Crash verhieß: "Aktien werden dauerhaft auf Hoch-Niveau bleiben." Drei Wochen danach: "Der Absturz ist in ein paar Tagen vorbei."

Flugzeuge, weissagte Frankreichs Marschall Foch 1911, seien "hübsches Spielzeug, aber ohne militärischen Wert". Japan werde sich "nie" den Achsenmächten anschließen, dozierte US-Großstratege Douglas MacArthur 1940. Tags darauf unterzeichnete Tokio. Im Indochina-Krieg krähte der französische Außenminister Bidault 1954: "Ho Chi Minh wird jeden Moment kapitulieren." Kapituliert hat Frankreich zehn Wochen später. "Der Wankel-Motor", so General Motors 1969, werde "Xerox und Farb-TV in den Schatten stellen". Lord Kelvin, Physiker und Chef der Royal Society: "Röntgenstrahlen sind ein Witz."

Henry Luce, der legendäre Gründer von Time Magazine, 1960: "Die Welt wird in sieben Jahren untergehen. Bis dann hat das Publikum ein Recht auf gute Unterhaltung." Das ist der beste der Sprüche, die alle aus dem Buch The Experts Speak (von C. Cerf und V. Navasky, leider nur auf Englisch) stammen. Je mehr einer weiß, fand der amerikanische Soziologe Philip Tetlock nach der Bewertung von 82.000 Prognosen heraus, desto unzuverlässiger ist er.

Sie handeln wie Neptun mit Illusion, dem Urquell aller Unterhaltung, und dies auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aber Ernsthaftigkeit ist nie unterhaltsam, und deshalb brauchen wir den Frohsinn, gerade in der dunkelsten Jahreszeit. Das ist die absolute Wahrheit, genauso wie der Spruch von Ptolemäus: "Ein für alle Male – die Erde steht im Mittelpunkt des Universums." 2013 wird alles gut. So will es Neptun.