Die Jahre um 1950, als Billy Wilder Sunset Boulevard drehte, waren für Los Angeles eine mythische Zeit. Die Naivität war verflogen, das Vertraute verschwunden, der Traum auf und davon: Nach zwei Jahrzehnten Tonfilm erlebte Hollywood eine erste ökonomische und künstlerische Krise. Und gleichzeitig machten sich in der Stadt die Spuren einer radikalen architektonischen Moderne bemerkbar, die mit den üblichen Kulissen nichts mehr zu tun hatte. Noch in den achtziger und neunziger Jahren spielten auffallend viele Filme in dieser Umbruchzeit, die alles in ein diffuses Schwarz-Weiß-Licht tauchten, in das Licht des Film Noir.

Der deutsche Autor Kevin Vennemann, geboren 1977, denkt über diesen Mythos des Westens nach. Der Sunset Boulevard, der bei Billy Wilder das Lebensgefühl suchender und scheiternder Hollywood-Künstler verkörpert, dient Vennemann dabei als Vorlage. Er fährt die Straße ab, die eineinhalb Stunden lang durch die Metropole führt und bei Pacific Palisades plötzlich ins Meer zu fallen scheint, und während dieser Fahrt verbinden sich Motive aus der Filmgeschichte mit Reflexionen über die Veränderungen des Stadtbilds und in der Produktion von Träumen.

In dem Filmbild von der Stadt, die für Neuankömmlinge das Paradies zu verheißen scheint, herrscht ewiger Regen. Die Protagonisten brechen stets von der Ostküste auf, aus New York, das viel zu viele Spuren des alten Europa zeigt, sie suchen in Südkalifornien ein unbelastetes Neuland – und verheddern sich zusehends in diesem glänzenden historischen Nichts ohne Moral. Vennemann zitiert ausgiebig die Settings der Filme des "L.A. Noir" und destilliert daraus ein zeitloses, existenzielles Grundgefühl: Man kommt nie an, und man wird nicht mehr fortgelassen.

Der Autor geht dabei dem Leben und Sterben in L.A., so der berühmte Filmtitel von 1985, in ganz besonderer Weise auf den Grund. Sein Essay trägt den Untertitel Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles, er fragt also nach den besonderen Kunstformen, die das Leben hier annimmt. Eine wichtige Rolle spielt die Architektur. Die Häuser werden zu Sinnbildern der Träume im Kapitalismus. In Sunset Boulevard wie in Double Indemnity einige Jahre zuvor lässt Billy Wilder seine Hauptdarstellerin in einer typischen kalifornischen Prunkvilla residieren, die willkürlich Stilelemente aus mittelalterlichen spanischen Schlössern zusammenklaubt.

Die Angst der Herrschenden prägte die Architektur Hollywoods

Dieses "Spanish Colonial Revival" versuchte in all seiner Künstlichkeit eine eigene südkalifornische Identität und Geschichte herbeizufantasieren. Die Los Angeles Times führte 1927 eine aufwendige Kampagne durch, in der viele Monate lang der Bau eines entsprechenden Musterhauses propagiert wurde – in geübtem Zusammenspiel mit einem Immobilienspekulanten. Es ging um die Lebensentwürfe der weißen, wohlhabenden Mittelklasse. Mit keinem Wort wurde in der Zeitung erwähnt, wogegen sich die Kampagne vor allem richtete: gegen das moderne, funktionale, billige Bauen für breitere Bevölkerungsschichten, dessen erste große Manifestation genau zu der Zeit Richard Neutras Lovell Health House war. Diese neue Architektur war das Schreckgespenst der alten Eliten, und Vennemann findet hier einen Dreh- und Angelpunkt dessen, was ihn umtreibt: Die Kampagne der Los Angeles Times für ihr falsch historisierendes Musterhaus sei ein "wunderbarer winziger Augenblick in der Geschichte", in dem "Herrschaft so etwas wie Angst verspürte".

Diesen Moment versucht der Autor auch in den Filmen zu entdecken. Billy Wilder lässt die Desillusionierung seiner Heldinnen nicht von ungefähr in den verlogenen Kulissen des spanischen Kolonialstils stattfinden. Entscheidend aber ist eine spezifische Ambivalenz: So wie die Architekten, auch wenn sie noch so fortschrittliche Absichten haben, an die Bedingungen ihrer Auftraggeber gebunden sind – das Buch verfolgt schonungslos die Aporien der Moderne –, so stellen auch die kritischen Filmemacher nie den Produktionscode Hollywoods selbst infrage. Die einschlägigen Detektive, allen voran Philip Marlowe, ziehen in ihrem Habitus die Konsequenz daraus: Es sind "ewig einsame Zyniker", die "über diese prätentiösen Häuser" spotten, "über die immer wieder überraschend erfolgreichen Tricks der Booster, und spöttelnd trauern sie um deren Opfer".

Vennemann streift entlang der verführerischen Fassaden und Hohlformen des kalifornischen Kapitalismus. Er liefert Querverweise zwischen Filmen und Bauten, zeigt viele Fundstücke aus Hollywood-Produktionen und agiert lustvoll in einem Zwischenbereich: zwischen theoriegeprägten Passagen und erzählerischen Schüben, in denen die Recherchen des Autors selbst ins Blickfeld kommen. Einmal versucht er zusammen mit seiner Begleiterin, in einem klapprigen Leihwagen der nächtlichen Kamerafahrt aus Criss Cross zu folgen, ein andermal fliehen sie zusammen mit Lynn und Bud, den Figuren aus L.A. Confidential, aus Los Angeles zurück in Richtung Osten.

Ein anderer zentraler Ort ist eine Wiese, nahe dem Punkt, an dem der Sunset Boulevard ins Meer fällt. Hier wird Philip Marlowe dreimal niedergeschlagen: einmal im Roman Farewell, My Lovely von Raymond Chandler, einmal in der ersten Verfilmung Murder, My Sweet von 1944 und noch einmal in der zweiten Verfilmung 1975. Der Autor und seine Begleiterin wollten hierher – und während sie sehen, wie Marlowe niedergeschlagen wird, will die Frau ihm zu Hilfe eilen, aber: "ich kann sie zurückhalten."

Wenn die Fantasie nicht mehr eindeutig der Fantasie und die Wirklichkeit nicht mehr eindeutig der Wirklichkeit zuzuordnen ist, wird es spannend. An manchen Stellen kommen sämtliche Ebenen des Textes gleichzeitig zum Vorschein. Der Autor folgt den Spuren seiner Drehbuchautoren und inszeniert sich selbst als Filmfigur. Wie er den Fotografen der architektonischen Moderne, Julius Shulman, zu interviewen versucht, ist in den Text als ein Urbild von Vergeblichkeit hineinmontiert. Zurück bleiben nur die Fragen, die er sich überlegt hat. Sie werden an den Leser weitergereicht, der zwangsläufig weiterermitteln will. Er wird durch die offene Struktur des Textes unweigerlich zum Komplizen – ein filmisches Erzählen, das visuelle Techniken und Schnittfolgen in die Prosa überführt, aber die großen alten Fragen stellt.

Zur Debatte steht das Abendland als Ganzes

Vennemann spinnt in seinen Text viele Assoziationsfäden ein – so werden Motive aus Nahe Jedenew, seinem ersten Roman aus dem Jahr 2005, wieder aufgenommen, und der Massenmord an den europäischen Juden im 20. Jahrhundert wird mit Kreons Leichenbergen aus Sophokles’ Antigone sowie Filmeinstellungen Hollywoods konfrontiert: Zur Debatte steht das Abendland als Ganzes. In seinen Überlegungen zum Verhältnis von Wort und Bild findet Vennemann eine listige Definition. "Bildunterschrift", also das, was die Wahrnehmung des Betrachters eines Fotos in eine bestimmte Richtung lenkt, heißt auf Englisch caption, mit einer ganz anderen Bedeutungsspanne: erfassen, einfangen, ergreifen, einnehmen. Literatur, so folgert der Autor, sei "eine einzige caption", ein ewig gegen die Wirklichkeit anrennender Versuch. So ist auch sein Sunset Boulevard zu verstehen – als Straße wie als Buch.