Ein überraschendes Thema des Jahres 2012 war das Löschen. Zu viele Aktenvermerke in Verfahren gegen rechtsextreme Täter sind unerklärlicherweise gelöscht worden. Etliche Prominente verlangten von Google, allzu Peinliches löschen zu lassen. Und hunderttausend Geblitzte hoffen auf ein Löschen ihrer Punkte, wenn das Flensburger Verkehrszentralregister nun reformiert wird.

Das Löschen – ein Thema mit unzähligen Facetten, vom ganz aus der Mode gekommenen Löschpapier bis hin zum ewig populären Durstlöschen. Wir haben elf erfahrene Kräfte der ZEIT gebeten, ihren persönlichen Zugang zum Löschbereich einmal ohne jede Hemmung aufzuschreiben.

Aus China für Aldi & Saturn
Abendgedanken draußen am Hafen

Am Altonaer Ufer bleibt man stehen, für einen Augenblick im nassen Wind der letzten Tage vor Silvester. Es dunkelt schon. Man schaut hinüber zu den großen Terminals, wo tausend Lampen brennen und die Kräne mit ihrem Licht umspinnen. Die Kräne: Wie die Weberschiffchen eines Webstuhls für Riesen, so fliegen sie hin und her und löschen. Unter ihnen die monströsen Containerfrachter, schwimmende Städte.

Kiste um Kiste, Stunde um Stunde fliegen die Weberschiffchen dahin. Am Kai warten schon die Züge und Laster.

Das Löschen der Schiffe ist ein faszinierender Vorgang, immer gewesen. All die Kostbarkeiten, die langsam aus der Tiefe der Frachträume gehievt werden und für einen Moment in der Luft schweben. Die Kaffeesäcke einst und Bananenkisten, seltsame Möbel. In Fritz Murnaus Nosferatu-Film allerdings sind es Särge, die Erdcontainer des Grafen Orlok aus Transsilvanien, Wismar ist das Ziel.

Wer weiß, was heute so alles in den Kisten ist, vor allem in den chinesischen Containern. Nur Nachschub für Aldi und Saturn? Manchmal ist allerhand Heimliches dazwischen. Verbotene Früchte, blinde Passagiere. Auch sie werden gelöscht.

Wie wir alle, denkt man dann und schlägt den Mantelkragen hoch. Wie wir alle, wenn die Reise zu Ende ist und Gottes Kran uns an den Haken nimmt.

Benedikt Erenz