Der Mann will weg. "Näher an der Basis und näher am Maschinenraum" möchte er künftig arbeiten, sagte René Obermann kurz vor Weihnachten, und gerne "unternehmerischer". Jedenfalls nicht mehr so wie jetzt.

Obermann ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, und seine Sätze verraten viel über den Konzern, den Menschen Obermann und das Verhältnis beider zueinander. Bis 2016 wäre sein Vertrag noch gelaufen, doch er bat den Aufsichtsrat um die vorzeitige Auflösung. Ein Jahr lang bleibt er noch, dann endet für die Telekom eine Ära. Der bisherige Finanzvorstand Timotheus Höttges, Obermanns Zögling, Begleiter und Freund, rückt an die Konzernspitze.

Ob er amtsmüde sei? Dieses Wort nehme er gar nicht erst in den Mund, entgegnete Obermann. Müde ist er wohl wirklich nicht und mit 49 Jahren auch noch nicht reif für den Vorruhestand. Aber er will die Kraft, die ihm nach sechs Jahren als Vorstandschef bleibt, dafür nutzen, herauszugelangen aus einem ganz speziellen Konzern. Denn die Telekom ist wie rosa Treibsand – und Treibsand ist tückisch. Oberflächlich sieht er aus wie gewöhnlicher Sand. Doch wer ihm zu nahe kommt, beginnt einzusinken. Zunächst wird man langsamer, die Bewegungen werden mühsamer. Doch je mehr man sich anstrengt, umso tiefer sinkt man ein. Wer nicht aufpasst, kommt aus eigener Kraft gar nicht mehr voran. Und auch nicht heraus: Üblicherweise gehen T-Chefs nicht freiwillig, sondern werden gegangen.

Jedes Unternehmen muss wachsen, und seine Führungskräfte sollen ihm dabei helfen. Die Telekom aber hat eine besondere Geschichte, aus der heraus sich auch heute noch vieles erklärt. Als ehemaliger Staatskonzern war sie ein Monopolist in der alten Bundesrepublik. Eigentlich eine komfortable Lage: Man hat keine Konkurrenten, jedermann ist Kunde, man kann jeden Preis verlangen. Doch als mit der Privatisierung das Monopol der Telekom gebrochen wurde, stand auch fest: Der Laden muss permanent kleiner werden. Viel kleiner. Das ist politisch so gewollt, es ist sinnvoll und unvermeidlich im Sinne des Wettbewerbs. Diese Logik wirkt bis heute fort. Und ebenso wie seinen Vorgängern zwingt sie Obermann eine Frage auf, die kaum zu beantworten ist: Wie kann man wachsen, wenn man schrumpfen soll?

Bis heute sieht Obermann die staatliche Regulierung als Hindernis. So kritisierte er oft, dass die Telekom ländliche Regionen mit schnellen Datenleitungen zu Niedrigpreisen versorgen solle, mit denen sich die Investitionskosten niemals wieder reinholen ließen. Dagegen kämpfte er ebenso an wie gegen zahlreiche Auflagen, den Wettbewerbern im Markt Teile der eigenen Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

Es war konsequent, den Weg ins Ausland zu suchen. Dort war man nicht der zum Schrumpfen gezwungene Exmonopolist, sondern der Angreifer. Vor allem in Osteuropa expandierte die Telekom unter Obermann. Internationale Wettbewerber hatten längst ganze Erdteile unter sich aufgeteilt: Telefónica aus Spanien versorgte Südamerika, die Orange aus Frankreich große Teile Afrikas und die britische Vodafone Group praktisch die ganze Welt. Zur Osterweiterung der Telekom passen die Spar- und Stellenabbauprogramme, die Obermann zweifelhafte Spitznamen wie Bulldozer oder Dobermann einbrachten. Rund 38.000 Stellen wurden unter seiner Führung in Deutschland abgebaut, zeitgleich kamen 25.000 in anderen Ländern dazu. Aus dem Ausland stammt heute auch ein weitaus größerer Anteil vom Umsatz als vor sechs Jahren. Die Gewinne sind gleichwohl nicht berauschend, und verglichen mit den großen Konkurrenten ist die Telekom heute eher Regional- denn echte Weltmacht.

Manche Auslandstochter entpuppte sich für die Telekom zudem als Fluch. Etwa T-Mobile USA. Der Mobilfunkanbieter war nie sonderlich erfolgreich, dafür aber teuer und besaß ein renovierungsbedürftiges Funknetz. Fast hätte Obermann die Firma für 39 Milliarden Dollar an den amerikanischen Telefonkonzern AT&T verkauft – es wäre sein Meisterstück gewesen. Doch die Wettbewerbshüter sagten Nein, und so folgt nun notgedrungen die Fusion mit einem kleineren Wettbewerber. Die Folge: hohe Abschreibungen statt hoher Einnahmen. Wieder nichts mit dem großen Traum.

Andere Dinge verliefen ebenfalls nicht nach Plan. Etwa Obermanns Suche nach alternativen Geldquellen in Deutschland. So wollte die Telekom Anfang dieses Jahres die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga ersteigern, um damit das konzerneigene Internetfernsehen Entertain attraktiver zu machen. Der Telekom-Chef gab einen passablen Angreifer ab und versuchte seinerseits, "das bestehende Monopol beim Pay-TV" zu brechen. Er scheiterte. Seine Gegner monierten vor allem die Beteiligung des Bundes, der direkt und über die KfW Bank noch knapp ein Drittel aller T-Aktien hält. Ein faktischer Staatskonzern aber dürfe privaten Unternehmen keine Konkurrenz machen, argumentierten die Widersacher im Fernsehstreit. Was für eine Logik: Angeblich hat die Telekom als staatlich gelenkter Laden keine innovativen Ideen. Aber wenn sie mal welche hat, dann darf sie sie keinesfalls umsetzen. So sind bisweilen die seltsamen Reflexe im Land. Man darf sie nicht unterschätzen.

Politisch machte Obermann zuletzt sogar einige Punkte: etwa mit der Frauenquote oder dem Fokus auf Datenschutz und Datensicherheit. Das Funknetz wird für seine Qualität gelobt, der Service scheint besser geworden zu sein. Zweifellos sind das Erfolge, aber sie sind klein.

An der Börse schlagen sie sich nicht nieder. Der Aktienkurs sinkt tiefer und tiefer. Seit dem letzten Teil des Börsengangs im Jahr 2000 sind es minus 87 Prozent, seit Obermanns Amtsantritt im November 2006 minus 36 Prozent. War Geld da, wurde es an die Aktionäre ausgeschüttet. Bislang bot die Telekom mit zuletzt 70 Cent je Aktie eine sensationell hohe Dividende. Für die vom Kursverfall geplagten Anteilseigner war das ein Schmerzensgeld – für das Management ein kleines Vermögen, das nicht mehr investiert werden konnte.

Immerhin steht seit ein paar Wochen fest, dass die Dividende etwas gekürzt wird. Obermann hat es auf der letzten Kapitalmarktkonferenz verraten. Für die Geschäftsjahre 2013 und 2014 wollen die Bonner nur noch 50 Cent je Aktie ausschütten. Und wenn der Bund dann bereit sein sollte – so wird es diskutiert –, statt einer Bardividende neu ausgegebene T-Aktien zu akzeptieren, bliebe der Telekom tatsächlich mehr Geld. Sollte Obermann das noch durchsetzen können, es wäre ein Verdienst – auch wenn viele Kleinaktionäre ihn dafür hassen dürften. Rund 30 Milliarden Euro will die Telekom in den nächsten drei Jahren "in die Zukunft der Telekommunikation" stecken. In Glasfaser- und Funknetze. Von 2014 an soll der Umsatz wieder wachsen, wenn bei der Telekom die Ära Höttges beginnt.

Dass Obermann von sich aus mit der Telekom bricht, erklärt sich auch aus seiner Biografie heraus. Schon öfter hat er Sachen beendet, die ihm nicht mehr sinnvoll erschienen. Sein Studium zum Beispiel. In den achtziger Jahren war Obermann noch in Münster Student der Volkswirtschaftslehre. Doch er erkannte, dass die Ära der Postbeamten, bei denen man noch Fernsprechgeräte beantragen musste, ihrem Ende entgegenging. Er schmiss die Uni und gründete sein eigenes Unternehmen, ABC Rufsysteme. Mit Autotelefonen und Anrufbeantwortern verdiente er Geld, dann verkaufte er seine Firma. Obermann war längst Millionär, bevor er bei der Telekom Karriere machte.