Am 28. Juli 2011, ihrem 60. Hochzeitstag, schreibt Christa Wolf an ihren Mann: »Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten. Von der späteren Zeit kann ich Dir kaum etwas erzählen, was Du nicht schon weißt. Das ist es ja: Wir sind in den Jahrzehnten ineinander gewachsen. Ich kann kaum ›ich‹ sagen – meistens ›wir‹. Ohne Dich wär ich ein anderer Mensch geworden. Aber das weißt Du ja. Große Worte sind zwischen uns nicht üblich. Nur soviel: Ich habe Glück gehabt.« Ein halbes Jahr später, am 1. Dezember 2011, ist sie gestorben. Die »paar beschriebenen Blätter« sind ihre letzte Erzählung.

Die alte und kranke Schriftstellerin kehrt darin zurück zu einer Nebenfigur ihrer Autobiografie Kindheitsmuster, dem kleinen, dummen August, der in einem Notkrankenhaus, einer Art mecklenburgischem Zauberberg für Tbc-Kranke, in den ersten Nachkriegswochen auf seinen Engel, die sechzehnjährige tatkräftige Lilo trifft, in der man die junge Christa Wolf wiedererkennen darf. Als alter Mann aus Berlin-Marzahn erinnert sich August an Lilo und an seine verstorbene Frau Trude, während er auf seiner »letzten Fahrt« als Busfahrer singende Rentner von Prag nach Berlin kutschiert. »Ich glaube, du bist ein anständiger Mensch«, hat Trude einmal zu August gesagt. Und »dieser eine Satz hielt die ganzen Jahre der Ehe vor«. So geht Liebe bei Christa Wolf.

Die kurze Erzählung ist von rührender Sprödigkeit und versammelt eindrucksvoll noch einmal die wichtigen Motive des Christa-Wolf-Universums: die Entbehrungen, den stillen Anstand, das alte Deutschland der Volkslieder und der Rübenmarmelade, das bescheidene Leben, das tapfer aufgeschobene Beinahe-Glück, die Gedichte und Märchen, das Lebensrettungsmittel Literatur. Der vorletzte Satz klingt wie ein Lebensresümee: »Er fühlt etwas wie Dankbarkeit dafür, daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde.«