Die deutsche Ärztin Tina Lindemann setzt in Wien diese Tradition fort. Auch in ihrem Therapieraum steht ein Akkumulator. Die meisten Krankheiten entstünden, wenn die Energie nicht frei durch den Körpers fließen könne, erklärt sie. "Wenn jemand mit der Diagnose Krebs zu mir kommt und mehr Energie aufnimmt, hat er eine Chance, mit der Erkrankung besser umzugehen. Es gibt Leute, die werden dabei gesund." Oben Energie rein und alles sei gut – so will sie aber nicht verstanden werden. Sie gebe nur Anleitung zur Selbstheilung. Der Schulmedizin steht sie kritisch gegenüber. Deshalb unterstützt sie es auch, wenn ein Krebspatient auf Chemotherapie oder Bestrahlung verzichten will. Ein Drittel ihrer Patienten kämen aus Interesse, der Rest mit Symptomen und Diagnosen. Im Augenblick sind es weniger Krebspatienten, vor einem Jahr waren es gleichzeitig fünf. Pro Woche behandelt sie zwölf bis 15 Personen. Die verwandte Methode der "Körperpsychotherapie", bei der das Gespräch noch mehr im Vordergrund steht, bieten auch eine Handvoll ihrer Kollegen an. Vom Gesundheitsministerium anerkannt ist diese Behandlungsform derzeit noch nicht.

Reich selbst verwarf mit der Zeit den Gedanken, den Menschen mit Individualtherapie überhaupt noch helfen zu können: Gegen die "emotionelle Pest", welche die Leiber verhärten lasse, sah er kein Kraut gewachsen. Auch die Neo-Reichianer seien allesamt Neurotiker, meint Jürgen Fischer: "Ihre Therapieziele haben sie so weit reduziert, dass sie nichts mehr mit Reich zu tun haben." Seit 1982 lebt Fischer in Hessen vom Bau von Orgon-Zubehör. Zwei- bis dreitausend Stück der Akkumulatoren hat er bereits in alle Welt verkauft. Das teuerste Exemplar kostet 3990 Euro. Wer mit Fischer über Reich, das Feinstoffliche und den Kosmos spricht, begegnet einem orthodoxen Puristen. Im Grunde habe er es gründlich satt, irgendwelchen Leuten Inhalte zu vermitteln, "für die sie charakterlich ohnehin nicht erreichbar sind". Die Energie, die man sehen, hören, spüren könne – das alles spiele sich ohnehin in jedem selbst ab, sei also gar nicht objektivierbar.

In dem neuen Film heilt Reich krebskranke Mäuse, macht Orgon als bläuliches Licht sichtbar, und: Er lässt es regnen – mit dem "Cloudbuster", einer Anordnung von Metallrohren. Schädliche Energie, etwa die Verstrahlung nach Atomexplosionen, könne mit dieser Konstruktion direkt vom Himmel gesaugt werden, wo das "Deadly Orgone" das Wettersystem "versteifen" lasse. Alles Quatsch? In Algerien werde seit 1910 ein Dorf mit Cloudbustern bewässert, weiß Fischer. Die Technik sei brandgefährlich. 2010 hätten Experimente in Afrika das Windsystem durcheinandergewirbelt. "Daraufhin gab es in Russland eine Hitzekatastrophe, der Himalaya wurde erhitzt und enorme Mengen an Schmelzwasser überfluteten Bangladesch und Pakistan. Es gab Tausende Tote." Beweisbar sei das nicht, fügt Fischer an. Was er kritisiert, ist die skrupellose Geisteshaltung, mit der die Reichianer diese Experimente durchführen und danach den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten.

Wilhelm Reich war 1939 in die USA ausgewandert, wo er in Maine wie ein Guru Gleichgesinnte um sich scharte. Für den Film wurde sein Labor im Waldviertel nachgebaut, was dem Land Niederösterreich großzügige Fördergelder wert war. Vor allem der späte Reich ist inhaltlich kaum zu fassen. Im Weltbild der "Orgonomie" sah er die Gegensätze zwischen Wissenschaft, Kunst und Religion aufgehoben. In der kosmischen Energie erkannte er den Gottvater selbst: "die unerreichbare Wirklichkeit der körperlichen Liebe, mystifiziert und in den Himmel versetzt", und in Jesus Christus den wahren genitalen Charakter.

Zunächst hatte sich das FBI für Reich interessiert, weil er als Exkommunist als potenziell gefährlich eingestuft worden war. Später kam die Behörde laut den Reich-Akten, die heute frei zugänglich sind, zu dem Schluss, dass es sich um einen "mental case" handle – und man beschloss, auf seine zahlreichen wirren Anschriften nicht mehr zu antworten.

Fakt ist, dass Reich als verrückter Sexdoktor angefeindet wurde. Die US-Gesundheitsbehörde kam zu dem Schluss, dass die Behandlung von Krebs und anderen ernsten Krankheiten in den Akkumulatoren nutzlos sei, und untersagte Reich den Handel damit. Wegen Missachtung dieser Verfügung wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Orgon-Kisten wurden zertrümmert, seine Schriften verbrannt. Am 3. November 1957 starb er im Gefängnis von Lewisburg in Pennsylvania. Entgegen den Behauptungen im Film, fand eine Autopsie statt. Am 9. Dezember informierte Gefängnisarzt Leon Witkin FBI-Direktor J. Edgar Hoover über das Ergebnis: Er hatte eine schwere Aorta-Verengung, Narben im Herzgewebe und Formaldehyd in Reichs Magen festgestellt. Regisseur Svoboda gibt gerne zu, dass er Fakten wie diese einfach ausgeblendet hat: "Natürlich ist das ein Propagandafilm. Ich wollte den Traum Wilhelm Reichs aus damaliger Sicht darstellen, den metaphysischen Forscher, der eine Sehnsucht der Menschen stillt."

Nach seinem Tod diente Reichs Evangelium als Blaupause für die sexuellen Befreiungsfantasien der 68er-Generation, später für die Apologeten des New Age, für Energetiker und Gesellschaftsrevolutionäre. Sexual enthemmt erzogene Kinder sollten die Vorkämpfer einer neuen Gesellschaft werden. Auch der Kommunarde Otto Mühl, der 1991 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde, berief sich auf ihn. Vieles von dem, was Reich auch thematisiert hatte, fand positiven Widerhall: Bei Bioenergetik, alternativen Erziehungsansätzen oder Babyschreiambulanzen. Dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als die Ratio glauben machen will: Dafür steht Wilhelm Reich. Nur Beweise blieb er freilich schuldig. Ob er mehr von der Wahrheit erwischt hat, als nur einen Zipfel?

Recht pragmatisch sieht das der Wiener Psychoanalytiker Wolfram Ratz, Vorsitzender des Wilhelm Reich Instituts mit 30 Mitgliedern: "Ich beschäftige mich schon lange mit Reich, aber viel verstehe ich auch nicht, jetzt böse gesagt. Es ist Vorteil und Problem zugleich, dass sich aus seinem Schaffen jeder heraussuchen kann, was er braucht." Für Ratz besteht das Erbe des polternden Agitators darin, basierend auf Liebe, Arbeit und Wissen das Leben bestmöglich mit Sinn zu füllen.

"Ist es in Ordnung, wenn ich Sie berühre?" Tina Lindemann streckt ihre Hände aus. Jetzt tief ein- und ausatmen, die Fußballen in Rückenlage auf die Matratze stemmen, das Becken leicht anheben. Schön langsam baut sich Spannung in den Waden auf, ein leichtes Zittern setzt ein. Als sie an den Füßen drückt, tut sich etwas in den Fingerspitzen, die einen fiktiven Baum umfassen. Was es ist? Am Ende womöglich nur ein Traum.