Mit einer Schusswaffe stürmte jüngst ein 68-Jähriger eine Berliner Bank, bedrohte den sogenannten Kundenberater und verlangte, nein, nicht Geld, sondern zwei Flaschen Bier und ein Gespräch mit einem lokalen Rundfunksender. Er konnte, wie man sagt, überwältigt werden, wobei nicht überliefert ist, ob gutes Zureden oder beherzte Handgreiflichkeiten zu seiner Entwaffnung führten. Wir wollen in dieser gemeinhin jeden wohlmeinenden Respekt meidenden Kolumne den Schrecken, den der sogenannte Kundenberater erlitt, weder klein- noch wegreden. Doch haftet dieser wahren Geschichte erstaunlich Allegorisches an. Denn wie oft im Leben, recht besehen, klaffen doch, vorzugsweise in aufgewühlter Gemütsstimmung, Mittel und Zweck derart weit auseinander, dass man staunen darf über die mithin wunderbar kopflose Art des Menschen, der leicht zur Unverhältnismäßigkeit neigt. Schon der Schritt vor die Haustür, frühmorgens, wenn die Straßen vermatscht sind und der kalte Regen einen peinigt, ist unverhältnismäßig. Man tritt ja hinaus nicht etwa, um selig in die Gastwirtschaft zu gelangen oder zum (an unbändiger Einsamkeit) krankenden Vater im Seniorenheim, sondern zur sogenannten Arbeit, genauer: in die Marketingabteilung eines Konzerns, der in einer fernöstlichen Diktatur mit Kinderarbeit Schräubchen herstellen lässt für die heimischen und geschmacklosen Tische und Schränke, die nur Idioten kaufen. Und sitzt, statt in der Gastwirtschaft beim dringend benötigten Frühstücksbier, mit den falsch-höflichen Kollegen im Großraumbüro vor Kaffee, vor Notebooks und falsch-feinen Pressemitteilungen. Die Hälfte des Tages geht dann drauf für die Betreuung des falsch-lustigen Facebook-Accounts des Konzerns und blöd machende Simserei mit sogenannten Freunden. Das engmaschige Netzwerk aus Lügen, das jeder kennt, heißt Alltag und steht in keinem Verhältnis zum morgendlichen Hinaustreten vor die Haustür. Wer wagt schon den Lebensstreik? Im Bett liegen bleiben. Aufs Meer blicken. Den Hund kraulen. Die Gedanken aushalten (die schwerste aller Übungen).

Was tun? Und was nicht? Einen Hinweis gibt es im erst kürzlich aufgefundenen kleinen Gedicht des Chinesen Qu Yuan aus der Zeit der Streitenden Reiche: »Stillstand ist die letzte Hoffnung / alles andere Verrat. / In der Ferne das Rufen der Reiter / Sie kommen nie an. / Sie reiten geschwind und so emsig / und sie reiten im Kreis.« Finis

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