Elf Uhr vormittags im Grill des Hotels Kempinski am Kurfürstendamm: dunkle Hölzer, gedimmtes Licht. Peter Scholl-Latour, 88, der Grandseigneur der Ferne-Länder-Fremde-Menschen-Reportage – er stammt aus einer anderen Zeit: Den Deutschen haben seine Bestseller (Der Tod im Reisfeld, Allah ist mit den Standhaften) die Krisenherde der Welt erklärt, den Vietnamkrieg, die iranische Revolution, den Islam. Er sitzt da in vollendeter Mad Men- Eleganz (Brille mit Goldrand, Paisley-Schlips, seine berühmte große Nase). Herald Tribune und Le Monde liegen vor ihm. Erst überlegt er noch, ob er sich einen Martini genehmigen soll, aber dann ist es doch noch ein bisschen früh. Sein Frühstücksei nimmt er in Form eines Club-Sandwiches (zwei Spiegeleier). Mit ihm, dem Welterklärer, hat man Lust, ein bisschen auf den großen Brocken der Weltpolitik herumzuklopfen und ein paar Funken schlagen zu lassen: Ägypten! Iran! Nahostkonflikt! Die Scholl-Latoursche Rasselstimme springt an, und schon nach wenigen Minuten sitzt man mit ihm auf einem Pferd und reitet über die wilde Grenze von Pakistan nach Afghanistan: dunkel lockende Welt! Versteht er, was die Bundeswehr da jetzt in Mali macht? Großes Scholl-Latour-Räuspern: "Ausgeschlossen, dass sie da zurechtkommt. Das setzt eine gewisse Kenntnis der Stämme voraus, die fehlt. Das haben wir schon in Afghanistan erlebt: Die Naivität der Bundeswehr war erschreckend."

Und gleich weiter zum Nahostkonflikt: Wird er da noch eine Lösung erleben? "Ich sehe keine. Jetzt mit dem neuen Siedlungsplan? Er schafft eine durchgehende israelische Landmasse zwischen Jerusalem und dem Jordantal. Der palästinensische Staat ist illusorisch." Scholl-Latour hat jetzt Lust, wie es seinem Typ entspricht, etwas Ungeheuerliches zu sagen: "Die Hamas wird als terroristische Organisation deklariert. Das ist sie nicht. Ich habe Hamad Yasin, den Gründer der Hamas, kennengelernt. Die Gründungsidee der Hamas war die einer karitativen Organisation." Zum vereitelten Anschlag in Bonn: Wie schätzt er die Bedrohung durch Salafisten in Deutschland ein? "Da gibt es natürlich auch Spinner. Das Absurde ist doch, dass der Salafismus der offiziellen Koran-Interpretation in Saudi-Arabien entspricht. Die Hassprediger, die wir hier haben, sind in Saudi-Arabien geschult worden. Also: Unsere besten Verbündeten sind im Grunde die größte Gefahr." Krisen-Hopping mit Peter Scholl-Latour. Hat er zum Iran noch etwas nie Gehörtes zu sagen? Natürlich: Mit dem Atomstaat Iran kann er sich eine Koexistenz vorstellen: "Was soll’s? Sollen sie doch ihre Atombombe bauen. Die pakistanische Atombombe ist viel gefährlicher als die iranische. Der iranische Staat ist sehr viel solider und kontrollierbarer als Pakistan." Leichte Unruhe beim Frühstücker Scholl-Latour: Die Geschwindigkeit, mit der wir durch die große Welt jagen, ist ihm nicht ganz geheuer.

Woher kommt die Verehrung der Deutschen für ihre großen, alten Welterklärer Helmut Schmidt, Weizsäcker und Scholl-Latour? "Wir haben den Krieg erlebt. Und die ungeheuer harte Nachkriegszeit." Schaut Scholl-Latour Homeland? "Langsam, junger Mann." Mit Fernsehserien aus Amerika braucht man ihm nicht zu kommen. Im Januar bricht er mit seiner Frau nach Indien auf: Dort gibt es einen Stamm, den er sich mal ein bisschen genauer angucken möchte. Der Kellner, den Scholl-Latour seit dreißig Jahren kennt, bringt eine leichte Weißweinschorle. Zeit für ein Gläschen. Zeit, in Ruhe die Zeitung zu lesen.