Der Prolog in drei Schritten, spielend zu drei Zeiten, 1963, 1989 und 1991, macht das Fass auf: junge Männer gegen alte Männer, Verrat, Freundschaft und Krieg. Alles, was das Jungenherz begehrt, Krimilust, Gefahr und Abenteuer. Wen die ersten zwanzig Seiten von Rache verjährt nicht kaltlassen, der ist für die Literatur verloren. Reginald Hill, vielleicht der letzte große Zauberer unter den britischen Kriminalschriftstellern, ist im Januar 2012 im Alter von 75 Jahren gestorben. Viel zu jung. Rache verjährt nicht – im Original von 2010 düsterer archaisch The Woodcutter – ist hoffentlich nicht der letzte Roman Hills, der ins Deutsche übersetzt wurde, da gibt es noch zu tun.

Dieser Autor verfügt über viele Zungen. Er kann melancholisch und romantisch sein, lyrisch und ungezogen. Einer der größten Pöbler der Kriminalliteratur, der fette Detective Superintendent Dalziel, ist sein Geschöpf. Jetzt schafft er ein Monster. Wolf Hadda, steinreicher Hedgefonds-Manager, wird von der Polizei aus dem Schlaf gerissen, einer geifernden Pressemeute vorgeworfen und beschuldigt, Kinderpornos gehortet zu haben. Hadda, ein Vulkan von einem Mann, flieht aus dem Gericht und wird auf der Straße zwischen einem Lkw und einem Bus zermatscht.

Die Geschichte setzt sechs Jahre später neu ein. Hadda hat als humpelnder Krüppel, einäugig, entstellt überlebt. Im psychiatrischen Hochsicherheitsknast Parkleigh versucht die junge dunkelhäutige Psychologin Alva Ozigbo zu dem verhärteten Mann durchzudringen – ein Geständnis, die Einsicht in die Abartigkeit seines Trieblebens könnten den Weg zur vorzeitigen Entlassung öffnen. Hadda, das Biest, spielt ein großes Spiel mit der Schönen, und der Autor mit dem Leser. In märchenhaften drei Schulbuchheften offenbart Wolf Hadda der tapferen kleinen Seelendoktorin sein raues Innenleben und gewinnt das Herz der Leser gleich mit. Der Mann, geplagt, geprügelt, gestürzt, verraten, muss unschuldig sein. Und dann, als er tatsächlich freigelassen wird und heimkehrt ins kalte väterliche Forsthaus – da fallen Tod und Vernichtung wie das Schwert des Racheengels über diejenigen her, die vom Untergang des reichen Mannes profitiert haben.

Hill spielt immer über die literarische Bande, Der Graf von Monte Christo klingt mit und Dickens’ Pickwickier, Wordsworth lässt lyrisches Wolfsgeheul ertönen. Das ist kein Belesenheitsgehuber, sondern orchestrale Inszenierung von Zwischen- und Nebentönen: der Krimi als Mahler-Symphonie. Mit Wonne unterwirft man sich den Verwirrungs- und Vorspiegelungsmanövern dieses Erzählers, lässt sich willig auf seine Rache- und Schauerscharaden ein. Es ist ein so trügerisch-schönes Versprechen, das am Ende winkt: Alles ist gut!