Der Schatz lag in zwei sowjetischen Dokumentenmappen aus Pappe mit Bändchen zum Zubinden. Jahrzehntelang ruhte er in der Bibliothek für seltene Bücher und Handschriften der Moskauer Staatsuniversität. Mancher Bibliothekar hatte schon verstohlen hineingeschaut. So groß die Neugier auf die fremden Dokumente war, so stark war auch die Furcht. Denn es handelt sich um Beutekunst des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland. Ihre Existenz wurde geleugnet und verschwiegen in der Sowjetunion. Ein sensibles Thema ist sie bis heute.

Vor allem die Bibliotheksdirektoren bremsten oft den Forschereifer ihrer Untergebenen aus. Die Lomonossow-Universität erstellte nicht einmal eine Liste der Beute-Bestände. Doch etliche Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion haben die wundersamen Mappen nun endlich ihr Geheimnis preisgegeben. Zwei russische Germanistinnen, Catherine Squires und Natalja Ganina, entdeckten sie und nahmen sich ihrer an. Vor Kurzem haben sie, auf einem internationalen Kolloquium der Philipps-Universität Marburg, ihre Arbeit auch in Deutschland vorgestellt.

1997 wollte Squires, die als Tochter einer Deutschen und eines Briten in Moskau geboren wurde, einer dänischen Kollegin etwas Besonderes bieten: Sie besuchte mit ihr die Bibliothek für seltene Bücher und Handschriften. Dabei machte eine Bibliothekarin sie auf den "Reparationsfonds" mit den Werken aus Deutschland aufmerksam. "Ich schaute auf all die deutschen Bücher, sie schauten auf mich und ließen mich fortan nicht mehr los", erzählt Squires. Sie beschloss, einmal in der Woche die Bestände zu ordnen. Bald darauf überreichte ihr die Bibliothekarin auch die zwei geheimnisvollen dicken Mappen. Squires hielt den Atem an: Handschriften waren darin, Inkunabel-Drucke und schmale Textstreifen wie aus einem mittelalterlichen Reißwolf. Die folgenden 15 Jahre war Squires mit ihnen beschäftigt und gab dem Ganzen einen Namen, der den deutschen Entdecker von einst ehrt: Dokumentensammlung Gustav Schmidt.

Der Weg zu Schmidt führt zurück ins 19. Jahrhundert, nach Halberstadt. Von 1871 an leitete der Historiker das dortige Domgymnasium. Damals war es schon seit einiger Zeit große Mode in Deutschlands Gelehrtenwelt, Handschriften zu erforschen. Die Germanistik erlebte ihre Gründerzeit. Schmidt war inspiriert und durchforstete die alten Bestände der Gymnasiumsbibliothek. Er hatte gut zu tun, denn in Halberstadt reichte das Büchersammeln zurück bis in die karolingische Zeit.

Schmidt fand nicht nur viele ehrwürdige Bücher, sondern auch Makulaturblätter. Nach der Erfindung der Druckkunst im 15. Jahrhundert klebten die Buchmacher alte Pergament- oder Papierbögen zur Verstärkung in die Bucheinbände neuer Werke. Dieses sorglose Recycling rettete viele Handschriften. Sie blieben im Buchspiegel erhalten. Schmidt löste oder riss die vor allem in Latein und Niederdeutsch verfassten Dokumente aus den Büchern und untersuchte sie. Er verzeichnete 15 Makulatur-Fundstücke, von denen 14 heute in Moskau liegen. Allerdings vermerkte er nicht, welchen Büchern er die Fragmente entnahm, was für Forscher heute bedeutsam wäre. Auch hantierte er mit einer speziellen Flüssigkeit, die angeblich die Schrift besser lesbar machte, aber vor allem blaue Flecken hinterließ. "So hat jede Zeit ihre Vorstellung davon, wie man richtig mit alten Dokumenten umgeht", urteilt Squires lakonisch. Schmidts Arbeit blieb in den Anfängen stecken; als er 1892 starb, kümmerte sich niemand mehr um sie. Erst hundert Jahre später, nach 1991, fand sie just in Moskau ihre Fortsetzung.

Der Fund wurde Squires und ihrer hinzugezogenen Kollegin Natalja Ganina zu einer wahren Offenbarung – denn viele der Papiere und Pergamente waren völlig unbekannt. 102 Dokumente vor allem aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit umfasst die Sammlung. Berühmte Dichter und Mystikerinnen sind vertreten. Ein Fragment des Versepos Willehalm von Wolfram von Eschenbach fand sich, außerdem das Zwiegespräch zwischen Leben und Tod in einem bis dahin unbekannten lateinischen Druck aus der Werkstatt des Bartholomäus Ghotan und die einzige Handschrift des Fließenden Lichts der Gottheit aus der frühen Lebenszeit Mechthild von Magdeburgs. Es ist das älteste von ihr überlieferte Manuskript überhaupt.

Dazu kommt die einzige bekannte deutsche Übersetzung der Bulle von Papst Alexander VI. von 1500 über den "Ablass in Deutschland zum Besten des Kampfes gegen die Türken". Und auch die deutsche Übersetzung des in Latein verfassten naturwissenschaftlichen Traktats Physica der Hildegard von Bingen gehört zu dem Schatz.

Die Germanistinnen mussten manche kriminalistische Arbeit leisten. So wies das Zwiegespräch zwischen Leben und Tod, ein gefalteter großer Bogen, keine Löcher in der Mitte auf, die eine frühere Buchbindung nahegelegt hätten. "War es eine Art Plakat, das damals an die Kirchentür angeschlagen wurde?", überlegte Squires. Erst später entdeckte sie auf der Rückseite eines anderen Dokuments der Sammlung die fehlenden Ecken: Die beiden Papiere waren aneinandergeklebt gewesen, das eine wohl zur Verstärkung des anderen.

Einige wenige Dokumente allerdings sind kaum zusammenzubringen, denn sie stammen gar nicht aus dem Halberstädter Bestand. Sie sind vermutlich erst durch Militärs der sowjetischen Trophäenbrigaden daruntergemischt worden. Zudem verteilten die Moskauer Beamten nach dem Krieg viele Kulturgüter planlos über die Museen und Bibliotheken der Sowjetunion. Ein Buch, dessen früheres Einbandpapier in Moskau liegt, spürte Squires in Sankt Petersburg auf.